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Neuss
Wenn Muslime 30 Tage lang fasten

Neuss. Während Ramadan dürfen Gläubige bei Tag nichts zu sich nehmen. Sie müssen dabei auf ihre Gesundheit und Arbeitsfähigkeit achten. Von Christian Kandzorra

Heute Morgen um 5.18 Uhr ist über Neuss die Sonne aufgegangen. Um exakt 21.53 Uhr wird sie wieder untergehen. Und in der Zwischenzeit? Nichts. Keine Getränke, kein Wasser, kein Kaffee. Auch keine Speisen. Keine Genussmittel, keine Zigaretten. Fasten ist angesagt. Auch bei Fatma Serce. Schon als Kind hat die gläubige Muslimin während des Ramadans das Verzichten gelernt.

Die 44-Jährige ist eine von rund 20 000 Muslimen im Rhein-Kreis, die heute den achten Tag infolge zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang fasten. Der Ramadan richtet sich nach dem etwa elf Tage kürzeren muslimischen Mondkalender und geht bis zum 16. Juli. Dieses Jahr fällt er wieder genau in die Sommermonate. In die Monate, in denen die Tage die längsten des Jahres sind. Denn erst seit der Sommersonnenwende am vergangenen Sonntag werden die Tage allmählich wieder kürzer.

"Das macht das Fasten nicht gerade einfach", sagt Fatma Serce. Aber es geht um Besinnung, Dankbarkeit; darum, seinen inneren Frieden zu "züchtigen" - und sich bewusstzumachen, dass arme Menschen weltweit Hunger und Durst leiden. Seit ihrem 13. Lebensjahr fastet Serce, die sich heute im Neusser Moscheeverein "Milli Görüs" engagiert. Ihr Hungergefühl kann die Bürokraft besiegen. "Der Hunger hält sich in Grenzen. Was mir fehlt, ist der Kaffee. Gerade morgens."

Um Energie zu sparen, verzichtet die Neusserin im Fastenmonat auf sportliche Aktivitäten. Und der Kaffee? "Irgendwie hat es bisher immer geklappt, darauf zu verzichten", sagt sie und lacht. Wie sieht es aber mit anderen Lebensmitteln aus? "Notfalls", sagt sie, "würde ich das Fasten unterbrechen. Die Zeit kann ich nachholen." Doch das komme nicht oft vor. Auch nicht im Sommer. Gegessen und getrunken wird stattdessen dann, wenn die Sonne untergegangen ist.

Doch welche Auswirkungen hat das Fasten für bis zu 17 Stunden täglich auf den Körper? Die Neusser Ernährungsberaterin Marianne Bender erklärt: "Theoretisch kann ein Mensch mit nur einer Mahlzeit am Tag seinen Bedarf an Nährstoffen und Kalorien decken." Der Körper könne die Belastung "abpuffern". Sorge bereitet ihr hingegen der Verzicht auf Flüssigkeiten: "Eigentlich sollte ein Mensch in kleinen Mengen über den Tag verteilt mindestens zwischen eineinhalb und zwei Litern Flüssigkeit zu sich nehmen." Tue er dies nicht, können sich durch verdicktes Blut Gerinnsel bilden, die im schlimmsten Fall zum Schlaganfall führen.

Fakt ist: Niemand wird gezwungen, sich strikt ans Fasten zu halten. "Im Zweifelsfall kann ich auch als gläubige Muslimin abbrechen. Niemand soll seine Gesundheit aufs Spiel setzen", betont Fatma Serce. Das gelte gerade auch für Menschen, die im Beruf eine große Verantwortung für andere Menschen tragen. Ein Beispiel: Busfahrer. "Unsere Fahrer haben grundsätzlich die Möglichkeit, sich ihre Schichten auszusuchen. Wir versuchen, den Wünschen gerecht zu werden. Wir erwarten dennoch, dass alle voll einsatzfähig zum Dienst erscheinen und bei Kräften sind", sagt Jürgen Scheer, Sprecher der Stadtwerke Neuss, der auf das Verantwortungsbewusstsein der Busfahrer setzt. In den Sommerferien sei der Fahrplan allerdings ohnehin leicht ausgedünnt. "Viele Fahrer nehmen sich dann ihren Urlaub."

Ulla Dahmen vom Neusser Lukas-Krankenhaus berichtet: "Viele unserer Mitarbeiter beteiligen sich seit etlichen Jahren aus Überzeugung am Ramadan. Unter den Kollegen wird das respektiert, den Arbeitsalltag berührt das jedoch gar nicht." Noch nie sei ein Arzt oder ein Pfleger während der Arbeit umgekippt.

Wie der Neusser Fachanwalt für Arbeitsrecht Mario Meyen mitteilt, dürfte ein Arbeitnehmer dies auch nicht riskieren. "Wer sich am Ramadan beteiligt, muss trotzdem die volle Arbeitsleistung erbringen und trägt Verantwortung für das, was er tut", sagt er. Bisher gebe es keine eindeutige Rechtssprechung des Bundesarbeitsgerichts, da sich zwei Rechtsgüter gegenüberstehen: die Erbringung der Arbeitsleistung und die Religionsfreiheit. Entschieden werden muss im Einzelfall.

Serce sieht sich von solchen Problemen weit entfernt: "Ich bin voll leistungsfähig." Jeden Tag freut sie sich vor allem auf das gemeinsame Beten und Essen nach Sonnenuntergang in der Moschee, an dem sich die gesamte Familie beteiligt. "Da ist jeder willkommen", sagt sie.

Quelle: NGZ
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