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Neuss
Wenn Töten Mission ist

Neuss: Wenn Töten Mission ist
Die letzten Stunden ihres Lebens beginnen, aber Desdemona ahnt noch nicht, dass Othello sie töten wird. FOTO: Christoph Krey
Neuss. Das Shakespeare-Festival im Globe Neuss eröffnet mit einer zeitgenössischen Inszenierung von "Othello" aus Bristol. Von Helga Bittner

Das Taschentuch ist nicht einfach nur ein Taschentuch. Es ist ein Ring, Symbol für die ewige Verbundenheit und Liebe, die das Paar sich bei der Heirat schwört. Wie eben Othello und Desdemona es tun. Heimlich zwar, denn Othello (wenn auch konvertiert) ist weder innerlich noch in den Augen der anderen ein Christ. Deswegen verspricht sich das Paar mit einer arabischen Formel, mit dem Tuch über beider Hände, ewige Liebe und Treue.

Die Hochzeitszeremonie der beiden, die Regisseur Richard Twyman in seiner Inszenierung von "Othello" für Shakespeare at the Tobacco Factory (STF) vorgeschaltet hat, ist eine sinnvolle Vorbereitung dessen, was dann folgt. Die Verhandlung von Desdemonas Vater vor dem Senat, der die Heirat annullieren und den "Mohr von Venedig", wie es der Fortsetzung des Titels heißt, am liebsten sofort zurück nach Mauretanien katapultieren will. Aber die Politik braucht General Othello: Er soll die Türken aus Zypern vertreiben. Die Hochzeit hat Bestand, Desdemona begleitet ihren Mann, und beide ahnen nicht im Mindesten, dass sie damit in den Untergang reisen. Zerstören wird sie nicht die Schlacht mit den Türken, sondern ein innerer Krieg Othellos: Er erliegt den Einflüsterungen Jagos über die vermeintliche Liebschaft Desdemonas mit Othellos Leutnant Cassio.

Othello und Jago - das sind die fast schon natürlichen Pole der Tragödie Shakespeares, doch Twyman erweitert das Duo zum Trio - um Desdemona. Diese ist alles andere als die gefügige Frau an des Generals Seite, sie hat ihren eigenen Kopf und fügt sich mit sichtbar unterdrückter Wut den Gepflogenheiten der Gesellschaft. Als ihr Vater vor dem Senat verliert, spiegelt sich ein höhnisch-zufriedenes Lächeln auf ihrem Gesicht, als ihr Mann ihr ans Leben will, bettelt sie nicht, sondern schreit und wehrt sich, kämpft. Zwei Anläufe braucht er, um sie endgültig zu erwürgen.

Die Lesart überzeugt vor allem, weil mit Norah Lopez Holden eine Desdemona auf der Bühne steht, der man das Selbstbewusstsein ebenso wie ihre große Liebe zu Othello abnimmt. Der ist groß, kräftig, hat eine tiefe und sehr sonore Stimme, ist dunkelhäutig dazu - äußerlich betrachtet also die nahezu ideale Entsprechung des Bildes, das sich eine weiße Gesellschaft gern von dem vom Islam geprägten Fremden macht. Aber das allein reicht nicht, um gegen die Präsenz von Lopez Holden und vor allem auch Mark Lockyer als Jago anzukommen. So ist Abraham Popoola schauspielerisch das schwächste Glied in diesem Trio. Seine Eifersucht, die innere Not, die dadurch entsteht, hat etwas Theatralisches, nicht wirklich Glaubhaftes.

Das fällt um so mehr auf, weil Twymans Inszenierung laut, heftig und sehr emotional ist. Das passt, weil die Schauspieler dieses auch sehr körperliche Spiel sehr gut mittragen, in ihren Rollen authentisch und überzeugend wirken.

Das lässt sich besonders von Mark Lockyer als Jago sagen. Wie er seine Strippen zieht, alle Menschen um sich herum manipuliert, das hat so gar nichts Unmenschliches. Und genau das ist das Fürchterliche. Jagos Intrigenspiel kann man nicht einfach abtun als Frust und Rache eines Verschmähten (er wollte Cassios Posten), es ist für ihn Mission geworden. Diesem Mann sind seine Mitmenschen gleichgültig, dessen Leben interessieren ihn nicht. Selbst als er verliert und enttarnt ist, hat er nur ein verächtliches Lächeln übrig. Seine Mission ist erfüllt. Erschreckend aktuell.

Quelle: NGZ
 
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