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Neuss
Wenn Zeit und Raum sich auflösen

Neuss: Wenn Zeit und Raum sich auflösen
Surreal wirken für Karlo (Pablo Gueneme Pinilla, liegend) nicht nur die Treffen mit Jenny Jannowitz (Linda Riebau, Mitte sitzend). Sein ganzes Leben scheint unwirklich zu sein. FOTO: Björn Hickmann
Neuss. Regieassistentin Nicole Erbe bringt zu Ende, was Regisseurin Franziska Maria Gramss angefangen hat: die Inszenierung des Stücks "Jenny Jannowitz" von Michel Decar am Rheinischen Landestheater. Von Helga Bittner

Es hat was von einem Alptraum. In einer Endlosschleife erleben, dass man aufwacht, sich ausgeschlafen fühlt, im nächsten Moment erkennt, dass man verschlafen, und schlimmer noch: was Wichtiges verpasst hat. Karlo geht es genau so. Wobei es für ihn noch schlimmer kommt, denn irgendwann weiß er nicht mehr: Schläft er noch oder ist er schon wach?

"Jenny Jannowitz" heißt das Stück, das inhaltlich ein bisschen an "Und täglich grüßt das Murmeltier" erinnert, formal aber gewiss nichts damit zu tun hat. Michel Decar hat ein reines Dialog-Stück geschrieben, Regieanweisungen gibt es so gut wie gar nicht. Außer einer: Er rät, es mit sechs Personen zu spielen, drei Frauen und drei Männer.

Daran hält sich auch das RLT. Ursprünglich sollte Franziska Maria Gramss mit Andy Besuch und Nikolai Meinhold das Stück inszenieren, aber die für ihre sehr formalen Bearbeitungen bekannte Regisseurin und ihr Team fielen mit ihrer Lesart durch, so dass von ihrem Konzept nur ein Gerüst stehenblieb, das Regieassistentin Nicole Erbe mit Schützenhilfe von Bettina Jahnke zu Ende baute.

Sie setzen das Stück im Sinne des Autors um: als Tragikomödie, wie Decar selbst es bezeichnet, denn für die Tragik gibt es den Menschen, der mehr und mehr verzweifelt, für die Komik die Figuren um ihn herum. Deren Gemeinsamkeit ist die Überzeichnung, die Absurdität. Vorgegeben durch die Dialoge, wobei es zum Glück vermieden wurde, auch noch den in der Vorlage redenden Gegenständen wie Kleiderhaken, Nachttischlampe oder Spiegel Gestalt zu geben. Deren Text wird chorisch gesprochen, von Anna Lisa Grebe, Hergart Engert, Rainer Scharenberg und Josia Krug, die äußerlich schon in ihren Rollen stecken: Karlos Freundin, seine Mutter, sein Chef und sein Freund. Perücken, Klamotten - alles kennzeichnet sie schon als Stereotypen, aber selbst dieses letzte Menschlich-anmutende verlieren sie im Laufe des rasanten Spiels, tänzeln in blassen Catsuits nur noch herum. Eine ebenso starke wie sprechende Regie-Idee.

In rasend schnellem Wechsel geht es durch Zeit und Raum. Während alle genau zu wissen scheinen, wann und wo sie sich befinden, scheint Karlo sich immer mehr zu verlieren und sich zu fragen, wo und wann er den Anschluss verpasst hat. Pablo Guaneme Pinilla spielt sich glaubhaft in eine Verzweiflung hinein, die ihn als einzigen in diesem großen puppenhaften Spiel zum Menschen macht.

Immer wieder begegnet er dabei Jenny Jannowitz (Linda Riebau), die auch wie eine zu groß geratene Puppe daherkommt, aber als einzige Figur auch Ruhe ausstrahlt. In ihren gemeinsamen Momenten kommt das rasende Zeit- und Lebenskarussell zum Stillstand - was zum Schluss auch die einzige Rettung für Karlo zu sein scheint. Unter dieser Groteske schwelt eine Alltagskatastrophe. Wie ein Hamster im Rad bewegt sich der moderne Mensch in seiner Welt, funktioniert im Job, will allen Anforderungen gerecht und von allen so anerkannt werden, wie es dem vermeintlich sozialen Miteinander dienlich ist. Der Chef möchte lieber ein Kumpel sein, die Mutter nicht alt, die Freundin eigentlich unabhängig, der beste Freund kein Loser. Gibt es da eigentlich noch jemanden, der er selbst ist und bleiben will? Wie bei jeder guten Farce ist die Antwort zynisch: In dieser Welt geht der Mensch als Mensch unter.

Kein großer Theaterabend, aber ein Stück, das schlüssig in Szene gesetzt ist, nicht nur lachen, sondern auch nachdenken lässt. Und vielleicht lässt sich das eigene Hamsterrad wenigstens gelegentlich anhalten.

Quelle: NGZ
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