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Neuss
Wenn zwei sich streiten, schlichtet der Dritte

Neuss: Wenn zwei sich streiten, schlichtet der Dritte
Der 80-Jährige Manfred Loetzner arbeitet seit 33 Jahren als Schiedmann im Stadionviertel und Westfeld. FOTO: Anja Tinter
Neuss. Der 80-jährige Manfred Loetzner arbeitet ehrenamtlich als Schiedsmann. Nachbarschaftsstreits nehmen zu, sagt er. Von Elisabeth Keldenich

Hoch erhobenen Hauptes sollen sich die Parteien begegnen können, und es darf keine Verlierer geben. So fasst Manfred Loetzner, als Schiedsmann in Neuss zuständig für den Bereich Stadionviertel und Westfeld das Ergebnis seiner Arbeit zusammen. "Dazu müssen die zerstrittenen Menschen aufeinander zugehen und nachgeben", erläutert er.

Loetzner weiß, wovon er spricht. Seit 33 Jahren ist der sehr rüstig wirkende 80-Jährige ununterbrochen ehrenamtlich als Schiedsmann tätig. Außerdem war er ebenfalls ehrenamtlich acht Jahre Richter am Sozialgericht Düsseldorf und danach 20 Jahre in gleicher Funktion am Sozialgericht in Essen aktiv.

Der früher im Personalwesen der Stadtverwaltung tätige Loetzner wurde für das Amt des Schiedsmannes vorgeschlagen. Das ist so üblich. "Man hielt mich für geeignet", erinnert er sich schmunzelnd. Zunächst nur für fünf Jahre, dann wurde wer aber stets wiedergewählt. Er betreut privat- und strafrechtliche Angelegenheiten.

"Durch Mundpropaganda, Hinweisen von Polizei und Behörden werden die Menschen auf mich aufmerksam und sprechen mich an", sagt Loetzner. Vor allem, wenn die Tat nicht von öffentlichem Interesse sei und die Staatsanwaltschaft ein Verfahren ablehne. "Die Verhandlung findet immer bei mir zu Hause statt", erläutert er. Die private Atmosphäre trage viel eher zur Entspannung bei als die im Gericht oder einem Büro. "Mir ist wichtig, dass ein vernünftiges Gespräch stattfindet, das letztendlich zu einem Umdenkungsprozess führt", sagt Loetzner. In der Hälfte der Fälle gelingt das auch. Über das Ergebnis der Verhandlung führt er ein Protokoll, das alle Beteiligten unterschreiben. Er legt auch die Kosten fest. Seine Auslagen wie beispielsweise Portokosten müssen die Parteien direkt bezahlen. Die Gebühren in Höhe von zehn Euro bei scheiternder und 25 Euro bei erfolgreicher Verhandlung gehen an die Stadt. Am Ende eines Jahres erhält Loetzner davon die Hälfte als kleine Anerkennung. "Am umfangreichsten ist die investierte Zeit", sagt er. Manchmal reiche eine halbe Stunde, manchmal brauche man drei Stunden.

In den 33 Jahren hat Loetzner auch einige kuriose Fälle erlebt. Ein Mal kam es fast zu einer Schlägerei in seiner Wohnung. Er sah sich gezwungen, die Parteien zu trennen und aus der Wohnung zu begleiten. Ein anderes Mal beruhte eine angebliche Grabschändung einfach auf einem Missverständnis. Die beklagte Partei hatte sich nur die Bepflanzung genauer ansehen wollen, um sie ebenfalls einzusetzen. Einer jungen Frau, die von einem Stalker verfolgt wurde, konnte Loetzner dagegen nicht helfen. Es kam zu keiner Einigung, der Fall ging an das zuständige Gericht - was daraus wurde, erfuhr er nicht.

In diesem Jahr musste sich der Vater von zwei Söhnen und Großvater zweier Enkel mit zwei Fällen befassen. "Ich beobachte, dass Nachbarschaftsstreitigkeiten aufgrund geringer Grundstücksgrenzen und enger Bepflanzung zunehmen. Außerdem gibt es vermehrt Ärger wegen Verschmutzungen durch Hundekot", erzählt er. Auch bei Radtouren in "seinem" Viertel bekomme er immer eine Menge mit.

Das gilt auch für seine Frau Irmtraud, die am Telefon oft die erste Ansprechpartnerin für Ratsuchende ist. "Ich reiche das Telefon aber immer sofort weiter", sagt sie. "Tür- und Angelfälle" nennt Loetzner die Dinge, die sich am Telefon regeln lassen und erst gar kein echter Fall werden.

Quelle: NGZ
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