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Neue Spielzeit im RLT
Widerstand ist nicht zwecklos

Neue Spielzeit im RLT: Widerstand ist nicht zwecklos
Mia (Linda Riebau, 2.v.l.) mus sich vor dem "Methoden"-Gericht verantworten. FOTO: Björn Hickmann
Neuss. Das RLT eröffnet die Spielzeit mit einer beklemmenden Gesellschaftsvision: "Corpus Delicti" von Juli Zeh in der Regie von Bettina Jahnke. Von Helga Bittner

Mia weiß nicht, wie ihr geschieht. Ihr Bruder hat sich umgebracht, nachdem ein Gericht ihn der Vergewaltigung und des Mordes schuldig gesprochen hat. Von Sibylle, der Frau, in die er nicht nur verliebt war, sondern die er geliebt hat. Alles, was Mia will, ist ein bisschen Ruhe, damit ihre Gefühle wieder ins Gleichgewicht kommen. Dann, so glaubt sie, kann sie auch wieder zurückkehren in den Alltag.

Klingt völlig normal. Ist es aber nicht. Denn Mia lebt in einem Gesellschaftssystem, in dem Funktionieren alles ist. Sichergestellt wird dies durch die "Methode", einer staatlichen Gesundheitskontrolle des einzelnen Menschen, mit Datenüberwachung per Mikrochip im Arm und Messung des Wohnumfeldes auf Bakterien. Wer gegen die Regeln verstößt, wird nach der Gesundheitsprozessordnung vor ein Gericht gestellt.

"Corpus Delicti" ist der vielsagende Titel, den die Autorin Juli Zeh ihrem Stück gegeben hat, das eigentlich viel mehr Prosa ist und von ihr folgerichtig auch später zu einem Roman verarbeitet wurde. Denn um all das zu nachzuhalten, was Zeh in diese Dystopie hineinformuliert hat, ist die Buchform wesentlich sinniger als die szenische Darstellung. Bei einem Buch kann man bei Sätzen, über die man noch mal nachdenken will, einfach zurückblättern - in der Theaterinszenierung ist schon die nächste Szene, der nächste Dialog dran.

Regisseurin Bettina Jahnke hat das nicht geschreckt, Sie hat sich das umfangreiche und wortlastige Stück dennoch vorgenommen und zu Beginn der Saison ihres Landestheaters auf die Bühne gebracht. Und tatsächlich das Kunststück hinbekommen, aus der diskursintensiven Geschichte einen auch visuell eindrücklichen und nachhaltigen Theaterabend zu machen.

Das ist ihr zum einen dadurch gelungen, dass sie sehr beherzt gestrichen hat. Da sind nicht nur Figuren rausgeflogen, sondern ganze Abschnitte. Womit Jahnke zum Kern vorgedrungen ist. Zu den immerwährenden Fragen: Wann wird ein Mensch zum Widerständler? Kann er der Macht einer durch und durch kontrollierten Gesellschaft überhaupt etwas entgegensetzen? Bei Mia ist dieses Coming out rein persönlicher Natur. Über den Tod des Bruders, ihren Zweifeln an seiner Schuld (die sich als berechtigt herausstellen), wird sie, die sich als puren Vernunftsmenschen sieht, zur Grüblerin. Erstmal über ihr kleines Ich, dann über das große Wir. Das wird für die "Methode" gefährlich, und als die ersten Repressionen nicht wirken, greift sie zu härteren Maßnahmen. Doch dadurch wird Mia erst richtig wach, und aus der Grüblerin wird eine Aufständische.

Mit der Darstellung dieser Mia steht und fällt die Aufführung. Linda Riebau ist die Idealbesetzung dafür - wie überhaupt das komplette Ensemble. Riebaus Mia beim Denken und Fühlen zuzusehen, ist so berührend wie erschreckend. Man geht mir ihr den Weg von der inneren Zerrissenheit hin zu Wut und Verzweiflung, in einem System leben zu müssen, dass "dem Menschen den Garaus" gemacht hat und nur die Person übrig lässt.

Zu solch einer sind die Richterin (Karin Moog) und der Staatsanwalt (Richard Lingscheidt) längst mutiert. Mias Verteidiger Rosentreter (Rainer Scharenberg) wird es noch, nur Journalist Kramer (Andreas Spaniol) ist undurchsichtig. Zwischen diesem Weiß (der "Methoden"-Vertreter) und Schwarz (Mia, auch Kramer) leuchtet ein lebendiges Rot - in Gestalt der nur in Mias Fantasie existierenden "idealen Geliebten" (Johanna Freyja Iacono-Sembritzki), der Stellvertreterin Moritz', der als lebenszugewandter Mann (Josia Krug) immer wieder präsent ist.

Das schlichte Bühnenbild von Juan Léon, das jeden Bezug zur Zukunft (das Stück spielt 2057) verweigert, die Farbsetzung, die Videos mit ihren verstörenden Blitzbildern von Ludwig Kuckartz - all das gibt der Aufführung eine große Geschlossenheit. Mit einem Ergebnis, wie es ein Theaterabend besser nicht haben kann. Man bekommt sie nicht aus dem Kopf, diese Bilder, diese Sätze, dieses Gefühl. Wie es ist, wenn man allein gegen alle nichts machen kann, und die Hoffnung doch nicht sterben mag. Widerstand ist also zwecklos? Nein, denn er streut Zweifel. Eine Saat, die mit der Zeit aufgeht.

Quelle: NGZ
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