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Neuss
Wie aus Improvisation Melodien wachsen

Neuss: Wie aus Improvisation Melodien wachsen
Mit Christian Kappe (Trompete) und André Nendza (Schlagzeug) hat Gitarrist Philipp van Endert (v.l.) ein neues Trio gegründet. FOTO: Woi
Neuss. Das neue Philipp van Endert-Trio feierte mit einem Konzert in der Reihe "Blue in Green" der Alten Post seine Live-Premiere. Die Kontrabassisten André Nendza und Trompeter Christian Kappe gehören dazu. Von Martin Laurentius

Auf den ersten Blick mag es verwundern, dass vor allem amerikanische Jazzmusiker zumeist von "Songs" sprechen, wenn sie die Kompositionen meinen, die sie live auf der Bühne oder im Studio spielen - gleichgültig, ob es tatsächlich Vokalstücke sind oder nicht. Das hat natürlich einen historischen Grund. Denn auch heute noch gilt das "Great American Songbook", dieses informelle Lieder-Kompendium der US-Amerikaner, in dem auch zahllose Musicalklassiker vom Broadway zu finden sind, als der Fundus für den Jazz schlechthin.

Doch das ist nicht der einzige Grund, warum es Sinn macht, selbst nichtvokale Jazzmusik mit "Songs" in Zusammenhang zu bringen. Es kommt einem kategorischen Imperativ gleich, dass schon die Altvorderen des Jazz im Prozess der Improvisation ihre Geschichten erzählen mussten: Geschichten aus ihrem Leben, Erfahrungen, die sie gesammelt haben, transformiert in die Sprache des Jazz. Aber erst wenn das Gesprochene in eine singbare Melodie übersetzt wird, hat deren Aussage die Möglichkeit, sich im Ohr des Publikums festzusetzen.

Vor diesem Hintergrund hat Gitarrist Philipp van Endert, der auch Lehrer für Gitarre an der Musikschule und Kurator der Konzertreihe "Blue in Green" ist, sein neues Trio zusammengestellt, das seine Live-Premiere in der Alten Post hatte. Mit dem Kontrabassisten André Nendza verbindet ihn eine über die Jahre gewachsene Freundschaft, die den beiden ein antizipierendes Zusammenspiel auf Augenhöhe ermöglicht, um nun als Improvisationsmusiker die "Terra incognita" der Melodie (Melos) zu erforschen.

Gleichermaßen eine integrierende wie kontrastierende Rolle spielt dabei der Trompeter Christian Kappe, der wegen einer schweren Erkältung hauptsächlich auf dem Flügelhorn in der Alten Post zu hören war. Von Vorteil für van Enderts Exegese durch das Melodische im modernen Jazz. Mit dem buttrigen Timbre dieses Blechblasinstrumentes fundiert Kappe einerseits das samtene Klangspektrum, während er andererseits mit seinen hin und wieder mit scharfer Attacke geblasenen Linien Kanten in den Schönklang des neuen Trios schlägt. Denn Schönheit strahlt nur an der Oberfläche, wenn sie nicht durch einen "Makel" gespiegelt und kontrastiert wird. Das ist der Kniff dieses Trios: Ein zumeist schlichtes, stets singbares Thema, wie es die Regel ist für viele van-Endert-Originalkompositionen, bekommt beispielsweise durch eine komplexe Form oder eine kantige Harmonik die Tiefgründigkeit, um zur Rampe für die Improvisationskunst der drei Musiker zu werden.

Erst im intuitiven Akt des gemeinsamen Experimentierens mit dem durchs Thema vorgegebenen Material können sie dieses entschlacken, um die Keimzelle offenzulegen, aus der die Schönheit des Melos erwächst: mal ist es ein wohliges Intervall, mal eine kurze Phrase oder eine schimmernde Klangfarbe. Sein Publikum lässt das Philipp van Endert Trio am Wachstumsprozess teilhaben: hingerissen von der Strahlkraft der melodischen Blüte.

Quelle: NGZ
 
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