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Neuss
Wie Becker die Menschwerdung erklärt

Neuss: Wie Becker die Menschwerdung erklärt
Der Kölner Kabarettist Jürgen Becker erklärt die Welt - genauer: die Fortpflanzung. FOTO: M. Scholten
Neuss. In der Kabarettreihe des Landestheaters, "neusspunktacht" stand Jürgen Becker mit seinem aktuellen Programm "Volksbegehren" auf der Bühne des Schauspielhauses. Er bot einen unterhaltsamen Parcours durch die Geschichte. Von Martin Horn

Sehr weit war die Anreise zur Oberstraße für Jürgen Becker nicht, schließlich ist der Kabarettist, der schon seit vielen Jahren Gesicht und Stimme der WDR-Mitternachtsspitzen ist, gebürtiger Kölner und wohnt natürlich in der Domstadt. Angelehnt an Woody Allens erfolgreichen Kinofilm aus dem Jahre 1972, "Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten", war Becker - ausgerüstet mit Beamer und Leinwand - ins Landestheater gekommen, um dem Publikum im nahezu ausverkauften Haus das Thema in gewohnt souverän pointierter Art näher zu bringen. Denn die Kulturgeschichte der Fortpflanzung war in Neuss noch nicht erzählt.

Zu ernst sollte es aber nicht werden, ist für Becker das folgende Referat doch nach eigenen Worten "...ein nie versiegender Quell der Erheiterung". Visuelle Unterstützung liefern dazu passende Bilder, Fotos und Gemälde. Rubens, Rembrandt und Hopper zeigen mehr, als es der erste Blick vermuten lässt.

"60 Prozent aller Männer denken übrigens ständig an Sex. Um das mal zu relativieren: Nur 40 Prozent denken an Fußball." Eingangsworte, die den Nerv des Publikum treffen, das ohnehin kaum vorhandene Eis ist in Sekundenschnelle gebrochen. Und Jürgen Becker fährt in der ihm so eigenen Logik fort: "Samson wurde in der Antike durch Delilah beim Sex reingelegt und verriet ihr das Geheimnis seiner unbändigen Stärke. Die schnitt ihm daraufhin die Haare ab und ließ ihn blenden." Beckers Resümee: "Sex kann ins Auge gehen." Und überhaupt die Götter: "Zeus ging sowohl mit Tochter als auch Nichte abwechselnd ins Bett. Experten sprechen in solchen Fällen von Mythologie, heute nennen wir das Niederlausitz." Und er sinniert weiter: "Eine russische Bäuerin hat, nach unbestätigten Informationen, 69 Kinder zur Welt gebracht. Wenn man sich alleine mal die Rennerei wegen der Elternabende vorstellt..."

So geht es, mit Pause, bis nach halb elf weiter. Auch wenn sich im zweiten Teil Längen zeigen, der Abend ist kurzweilig. Etwa durch Sätze wie diesen: "Köln steht seit Sylvester 2015 für Inkompetenz und sexuelle Übergriffe. Das ist so, als wenn Lothar Matthäus eine Stadt wäre." Kritische Seitenhiebe auf die aktuelle politisch religiöse Weltenlage kann Becker selbstredend nicht lassen: "IS, Erdogan und die AfD haben, was den Umgang mit unterschiedlichen weil individuellen Sexualauffassungen angeht, im Grunde doch die gleiche Marschrichtung. Zur Reinerhaltung der eigenen Gesellschaft - manche nennen es wieder Rasse - werden Fremde oder fremdartig Denkende ausgegrenzt oder verfolgt. Die eigene Moral steht und gilt über Allem." Was die Bibel und Blattläuse gemeinsam haben, überrascht so manchen Zuhörer, erfährt man bei beiden doch eine Menge über die Jungfrauengeburt. Aber allzu philosophisch wird der Künstler nicht, Beckers Betrachtungen über das "Denken, Glauben und Vögeln" bleiben humoristisch.

Viel Applaus, eine Zugabe am beabsichtigten Rande der unteren Gürtellinie und das bei Jürgen Becker obligatorische Freikölsch mit seinen Gästen auf der Bühne beschließen den Abend. Und einen optimistisch formulierten Ratschlag - für den Fall der Fälle - nehmen alle mit, sagt der kölsche Volksmund doch: "Wer poppe will, muss fründlich sinn!"

Quelle: NGZ
 
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