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Neuss
Wie links ist der Papst?

Neuss: Wie links ist der Papst?
Im Rahmen des Augustinus-Forums ging es um die Frage, wie links Papst Franziskus ist. Dabei trafen sich (v. l.) Volker Resing, Bertold Bonekamp, Schwester Praxedis, Annette Schavan, Professor Gerhard Kruip und Michael Schlagheck. Insgesamt folgten der Diskussionsrunde rund 500 Zuhörer. FOTO: Georg Salzburg
Neuss. Beim Augustinus-Forum wurde deutlich, wie die Kritik des Papstes am Kapitalismus einzuordnen ist. Als Expertin war Annette Schavan, die seit 2014 deutsche Botschafterin im Vatikan ist, bei der Diskussion in Neuss eingeladen. Von Rudolf Barnholt

"Wie links ist Papst Franziskus?" - diese Frage wurde jetzt beim Augustinus-Forum vor rund 500 Zuhörern diskutiert. Annette Schavan ist seit 2014 Botschafterin am Heiligen Stuhl und kann sich deshalb ein Bild von Papst Franziskus machen. Zusammen mit Gerhard Kruip, Professor für Christliche Anthropologie und Sozialethik in Mainz, und dem Chefredakteur der "Herder Korrespondenz", Volker Resing, kam eine lebhafte Diskussion in Gang mit ebenso erstaunlichen wie bemerkenswerten Aussagen.

"Diese Wirtschaft tötet": Dieser Satz von Papst Franziskus ließ aufhorchen und berechtigt zu der Frage, wie links er denn sei. Der Begriff "links" sollte schnell relativiert werden. "Ich galt in der Kirche auch als Links-Katholikin - das war ein Etikett wegen meiner Kritik", erklärte Annette Schavan. Als linke Politikerin wollte sie sich aber nicht bezeichnen, denn ihr Credo lautet: "Nicht der Staat, sondern die Zivilgesellschaft muss sich für Gerechtigkeit verantwortlich fühlen."

Volker Resing machte einen kleinen Schlenker von links nach rechts: "Wie soll man mit der AfD umgehen?" Schavan empfahl einen unaufgeregten Umgang - die Partei werde sich selbst entzaubern. "Ich war auch mal ganz schön links und werde jetzt schon mal als Neoliberaler beschimpft", erklärte Professor Kruip. Er verstand es, als Lateinamerika-Kenner die Worte des Papstes zu gewichten: "Die soziale Marktwirtschaft ist in der Heimat des Papstes fremd. ,Diese Wirtschaft tötet' würde er nie auf ein Wirtschaftssystem wie in Deutschland beziehen."

Kruip antwortete ausweichend, ob Papst Franziskus denn nun ein Linker sei: "Es gibt in der katholischen Soziallehre eine starke antikapitalistische Tradition." Und Annette Schavan betonte, dass Eigentum verpflichte. Die katholische Soziallehre sei ein Fundament für die Ordnung des Wirtschaftens. Kruip beklagte: "Der Papst äußert sich oft nicht differenziert genug." Er gab aber zu bedenken, dass Franziskus der erste Papst ist, der kein Europäer ist, der nicht von europäischem Denken geprägt ist. Annette Schavan erinnerte er an einen, der im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils versunkene Schätze hebt und Erinnerungsarbeit leistet. Und: "Er möchte, dass die Kirche erwachsen wird - und dass wir erwachsen werden."

Kruip hat Verständnis dafür, dass Papst Franziskus die Kirche mit Bedacht verändert. "Wenn er zu viel auf einmal ändern würde, würde er eine Spaltung der katholischen Kirche riskieren." So stünden zum Beispiel vor allem afrikanische Bischöfe Homosexuellen sehr ablehnend gegenüber. Papst Franziskus habe folgende Strategie: "Er besinnt sich auf das Wichtige." Ihm gehe es darum, Menschen in ihrer Situation zu verstehen und sie so zu nehmen, wie sie sind.

Annette Schavan zog als Expertin und erfahrene Politikerin einen Vergleich: "Papst Franziskus und Bundeskanzlerin Angela Merkel ticken mitunter ähnlich."

Quelle: NGZ
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