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Hubert Esser Und Udo Fischer
"Wir brauchen Jobs mit hoher Wertschöpfung"

Hubert Esser Und Udo Fischer: "Wir brauchen Jobs mit hoher Wertschöpfung"
Hubert Esser (links) hat das Amt als DGB-Vorsitzender im Rhein-Kreis an Udo Fischer weitergegeben. FOTO: Andreas Woitschützke
Neuss. Der neue DGB-Chef Udo Fischer und sein Vorgänger über die Lohnentwicklung, die Integration von Flüchtlingen und Risiken für die Industrie.

2015 war ein Jahr der Streiks, aber auch ein Jahr mit Rekordbeschäftigung im Rhein-Kreis. Es war das Jahr, in dem die Neusser Schraubenfabrik nach 139 Jahren geschlossen hat. War es ein gutes oder kein gutes Jahr aus Arbeitnehmer-Sicht?

Esser Ich möchte mit einem guten Beispiel beginnen: Bei Pierburg haben wir uns sehr stark eingesetzt. Da war der Deal, dass das Werk in Neuss bleibt und 700 hoch qualifizierte Arbeitsplätze mit Wertschöpfung und Kaufkraft entstehen. Dafür hat die Stadt die Brücke gebaut, auch sinnbildlich. Bei Whitesell halte ich es für ein falsches Signal, schon über die Verwertung des Grundstücks zu diskutieren, als die letzte Schicht noch gar nicht beendet war. Die Leute sind gerade erst hochfrustriert und ohne Abfindung raus. Es kann nicht sein, dass man so unsensibel über einen Kauf des Grundstücks debattiert. Wir haben im Moment enorme Bauland- und Immobilienpreise und eine hohe Nachfrage nach Grundstücken im Innenstadtbereich. Da könnten Begehrlichkeiten entstehen, innenstadtnahe Gewerbe-Grundstücke für viel Geld als Bauland zu verwerten. Fischer Bei Whitesell hat man gesehen: Wenn das Werk einmal an den falschen Investor verkauft ist, dann haben Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften keine Chance mehr. Dann wird so etwas ausgeschlachtet, und das tut weh.

Wohnungsknappheit ist also für Sie eine Bedrohung für die Industrie.

Esser Das könnte so sein, jedenfalls bei Betrieben, die mitten in der Stadt liegen.

War 2015 dann ein gutes Jahr?

Esser Die Löhne sind gestiegen, wir haben einen guten Schluck aus der Pulle genommen. Das merken wir am Zulauf der Gewerkschaften, die Leute suchen die Arbeitnehmer-Vertretung. Es ist neu, dass kleine Gewerkschaften ganze Betriebe lahmlegen.

Der Mindestlohn gilt jetzt ein Jahr.

Fischer Und trotzdem ist die Wirtschaft nicht zusammengebrochen. Es gibt nicht einen Beweis, dass der Mindestlohn Arbeitsplätze gekostet hätte. Der Mindestlohn ist ein Erfolgsmodell, und das feiern wir im Januar mit einer Brötchen-Verteil-aktion am Bahnhof.

2016 stehen wieder Tarifkonflikte an. Was sind die größten Probleme?

Esser Das größte Problem ist die Demografie: Wenn Leute in den Ruhestand gehen, dann geht sehr viel Wissen verloren. Da hat man bisher zu wenig getan, die Arbeit und den Ausstieg aus der Arbeit anders zu verteilen. Man muss Ältere und damit das Wissen im Betrieb halten mit attraktiven Lösungen.

Wandert das Fachpersonal von morgen nicht gerade zu?

Esser Die Arbeitsagentur will zehn Prozent der Flüchtlinge pro Jahr integrieren. Das dauert lange. Die Qualifikation ist teilweise sehr hochwertig, aber es gibt sprachliche Probleme. Die Leute müssen betreut werden. Es nützt nicht allein zu sagen, wir schaffen das. Wir müssen Solidarität zurückgeben, aber wir brauchen einen Plan. Den sehe ich im Moment nicht. Fischer Wir hecheln der Entwicklung hinterher. Es gibt eine Menge Potenzial, das wir brauchen können. Aber es dauert, bis sie arbeiten dürfen.

Im Agenturbezirk sollen 2016 bis zu 1000 Flüchtlinge auf den Arbeitsmarkt vorbereitete werden. Gibt es genügend Arbeitsplätze?

Esser Ich denke schon. Wenn es gute Ideen gibt, ist immer Arbeit vorhanden. Wenn ich mir die Arbeitsmarktdaten ansehe, muss ich sagen: Es ist genug Arbeit vorhanden.

Was können die Gewerkschaften zur Integration beitragen?

Esser Bildung, Bildung, Bildung. Es gibt Initiativen von Gewerkschaften und Unternehmen, Flüchtlinge in Praktika zu bringen. Da muss auch von den Firmen etwas kommen, sie müssen bereit sein, Flüchtlinge auszubilden. Wir haben weltweit das beste Ausbildungssystem, da müssen wir die Leute reinbringen. Da müssen die Tarifparteien Lösungen finden. Das ist machbar, aber es ist ein Kraftakt. Fischer Man muss die Zeit jetzt nutzen. Die Leute wollen beschäftigt werden. An der Grundqualifikation, das heißt an der Sprache, muss gearbeitet werden. Wir müssen vielleicht zusätzliche Ausbildungsplätze haben. Dazu muss man Geld in die Hand nehmen. Wir müssen aufpassen, dass die Flüchtlinge nicht als Potenzial von Billig-Arbeitskräften angesehen werden.

Im Rhein-Kreis gibt es nun vier rote Rathäuser. Freut Sie das?

Fischer Wir sind überparteilich. Wer eine gute Arbeitsmarktpolitik betreibt, der hat unsere Unterstützung. In Neuss hatte es eine Ursache, die CDU war verschliffen, da ist ein Wechsel immer gut. Aber jetzt muss Reiner Breuer liefern.

Was soll er denn liefern?

Esser Aus Gewerkschaftssicht ist es schade, dass Verdi im Rathaus seit 15 Jahren keine Rolle mehr spielt. Da wünsche ich mir vom neuen Bürgermeister, dass wir als Gewerkschafter stärker vertreten werden im Personalausschuss.

Neuss hat so viele sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze wie nie, die Einnahmen aus der Gewerbesteuer sind auf Rekordstand. Die Situation im Rhein-Kreis ist doch gut?

Fischer Ja, sehr gut. Was mir aber Sorgen bereitet, ist die Situation in Grevenbroich. Wie lange kann man die Braunkohle-Kraftwerke noch halten? Ich bezweifle angesichts der Klimadiskussion, dass die Laufzeit der Verträge erfüllt werden kann. Wir müssen uns jetzt dringend Gedanken machen darüber, was danach kommt. Da kommt einiges auf uns zu. Und es kann eine schnellere Dynamik bekommen, als uns lieb ist.

Auf der anderen Seite steht die Braunkohle auf der Kippe, in der Industrie wird die Digitalisierung, die Vernetzung von Maschinen immer wichtiger. Muss man sich Sorgen um industrielle Arbeitsplätze machen?

Fischer Die Arbeitsplätze werden sich auf jeden Fall sehr verändern. Die letzte Wirtschaftskrise haben wir nur dank unserer Industrie überstanden. Das müssen wir erhalten. Esser Die Unternehmen müssen investieren. Das sind die Arbeitsplätze von morgen. Aber im Moment hält sich die Industrie ziemlich zurück. Es werden weniger Menschen in der Industrie arbeiten, da muss man eben versuchen, weiter Unternehmen wie Pierburg zu halten oder anzusiedeln. Wir müssen aber auch überlegen, wen man ansiedelt. Große Speditionen brauchen Riesenflächen und haben wenig Jobs. Neuss soll nicht die größte Spedition der Welt werden. Wir brauchen High-Tech-Betriebe, Jobs mit hoher Wertschöpfung und wenig Flächenverbrauch.

Herr Esser, Sie haben ihr Amt abgegeben an Herrn Fischer. Wie kam es dazu?

Esser Vor zwei Jahren haben wir das auf der Weihnachtsfeier bei einem Glühwein verabredet. Das Amt ist sehr arbeitsintensiv, es ist in guten Händen. Die finanzielle Ausgestaltung stimmt. Als ich den Vorsitz übernommen habe, gab es nicht einmal ein Büro. Das war eine Kerneraufgabe, das hat ein Jahr gedauert. Ich bin mit dem Klingelbeutel bei den Gewerkschaften rumgerannt, um das Büro zu finanzieren. Jetzt haben wir die Finanzierung über Jahre gesichert. Der DGB ist da, und Udo macht jetzt weiter. Fischer Ich war immer gewerkschaftlich organisiert. Ich war bis zum 30. November Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei im Rhein-Kreis. Das habe ich mit Eintritt in die Pension abgegeben. Jetzt haben wir absprachegemäß den Wechsel vollzogen. Ich will klar machen: Es gibt uns, wir wollen präsent sein und uns immer wieder melden.

DAS GESPRÄCH FÜHRTEN LUDGER BATEN UND ANDREAS GRUHN.

Quelle: NGZ
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