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Sommerinterview Rolf Lüpertz
"Wir sollten viel selbstbewusster sein"

Neuss. Der 70-jährige Stadtführer Rolf Lüpertz verrät auch kundigen Neussern noch Geheimnisse über ihre Stadt.

Herr Lüpertz, warum haben Sie den Münsterplatz vor der Basilika als Treffpunkt ausgesucht?

Rolf Lüpertz Für mich ist das der zentrale Platz, und es ist der höchste Punkt in Neuss. Alle Straßen, die von der Basilika wegführen, haben ein Gefälle. Mir gefällt, wenn die Basilika abends vom Sonnenlicht angestrahlt wird, das sogar bis in den Kircheninnenraum leuchtet. Dann denke ich: Hier bin ich zuhause, hier fühl ich mich wohl.

Wie würden Sie Neuss einem Zugezogenen beschreiben?

Lüpertz Als Wohlfühlstadt. Man muss sie aber lieben lernen und die mannigfaltigen Vorteile addieren, zum Beispiel die kulturellen Angebote. Es besteht eine gute Verkehrsanbindung an die umliegenden Metropolen und den Flughafen, trotzdem kennt man sich hier.

Was sollte sich ein Neuankömmling in der Stadt unbedingt anschauen?

Lüpertz Die Basilika. Da fängt man mit an, der Markt mit seinen gastronomischen Angeboten. Dann ist der botanische Garten sehr zu empfehlen, die Michaelstraße mit der einzigen noch existierenden Hausbrauerei von 1601, der Stadtgarten und noch vieles mehr. Wir sind ein Ort mitten im Grünen. Aber wir haben bedauerlicherweise wenig alte Bausubstanz, weil in den Kriegen vieles zerstört wurde.

Von welchen Themen kriegen Ihre Zuhörer nie genug?

Lüpertz Der Neusser weiß schon einiges über die Stadtgeschichte, aber wenn man in die Materie einsteigt, interessieren meine Zuhörer besonders die Gruselgeschichten. Zum Beispiel, dass die sogenannte Hexe Hester Jonas 1635 im Blutturm gefoltert worden ist. Man ging im Mittelalter nicht zimperlich miteinander um. Im Windmühlenturm wurde der Räuber Mathias Weber genannt "der Fetzer", festgehalten. Aufgrund dieser Geschichte hätte ich auch die Millionenfrage bei Günther Jauch beantworten können.

Und die lautete?

Lüpertz Jauch wollte wissen, was ein Posamentierer ist. Und der Vater eben des genannten Fetzers hat diesen Beruf ausgeübt. Die mittelalterlichen Kleider waren immer mitschmückenden Bändern verziert, diese anzufertigen war Aufgabe der Posamentierer.

Was wissen selbst alteingesessene Neusser oft nicht?

Lüpertz Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Neuss untertunnelt sei. Angeblich könne man von der Basilika bis zum Liedberg laufen und habe dies früher zur Flucht genutzt. Doch das stimmt nicht. Die Stadtarchäologin Sabine Sauer hat das untersucht. Zwar gab es Gänge, die als Kanalisation dienten, doch diese waren nur 50 mal 60 Zentimeter groß und liefen nach oben spitz zu. Durch diesen Gang ist vermutlich niemand geflüchtet.

Was unterschätzen die Bürger an ihrer Stadt?

Lüpertz Es wird vielfach verkannt, dass Neuss schon im Mittelalter eine bedeutende Handelsstadt, ja sogar Hansestadt war. Um in diese Gilde aufgenommen zu werden, musste man eigentlich auf der jährlichen Tagung in Lübeck einen Antrag stellen. Doch Neuss ist die einzige Stadt, die per kaiserlichem Dekret durch Kaiser Friedrich III. zur Hansestadt berufen wurde. Da sollten wir viel selbstbewusster sein. Wir sind auch die einzige Stadt der Welt, die eine Kaiserkrone über dem Wappen führen darf. Neuss braucht sich nicht hinter seiner Geschichte zu verstecken. Was viele auch verkennen, sind die Erfolge von Neusser Wissenschaftlern.

Wie meinen Sie das?

Lüpertz Nun ja, Propheten gelten selten etwas im eigenen Land. Als erstes möchte ich da Theodor Schwan nennen, ein Zellforscher, den man mit Einstein und Humboldt auf eine Stufe stellen kann. Er hat als Erster entdeckt, dass Pflanzen und Tiere aus Zellen bestehen, und hat das Pepsin entdeckt. Oder den Bakteriologen Aloys Pollender, der den Milzbranderreger entdeckt hat. Nur leider konnte er es nicht beweisen.

Wenn Sie mit Ihrem 30 Jahre jüngeren Ich über die Stadt Neuss sprechen würden, was würden Sie dem jungen Rolf Lüpertz erzählen?

Lüpertz Die Stadt hat sich schon enorm entwickelt. Immer in kleinen Schritten, in der Rückschau aber doch merklich. Dazu tragen unter anderem Neuss Marketing, die Zukunftsinitiative Innenstadt Neuss und andere kluge Köpfe bei.

Was würde der junge Rolf Lüpertz dazu sagen, dass Sie Stadtführer geworden sind?

Lüpertz "Das wundert mich gar nicht."

DAS GESPRÄCH FÜHRTE KATRIN HAAS.

Quelle: NGZ
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