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Wird Jörg Geerlings wieder zum Zauderer?

Analyse: Wird Jörg Geerlings wieder zum Zauderer?
Kandidiert er oder kandidiert er nicht? CDU-Chef Jörg Geerlings nimmt sich Zeit für einen Abwägungsprozess. Seine Erklärung steht noch aus. FOTO: Woi
Neuss. Die Neusser CDU steht vor Neuwahlen. Als Termin ist der 20. März angedacht. Seit 2005 steht Jörg Geerlings an der Spitze der Partei. Noch hat er sich nicht erklärt, ob er wieder antritt. Wie 2014: Auch bei der Bürgermeister-Kandidatur entschied er sich erst spät. Von Ludger Baten

Seit zwölf Jahren führt Jörg Geerlings die Neusser CDU. Ohne Zweifel ist der 45 Jahre alte promivierte Jurist der starke Mann seiner Partei - nie war er in der Führungsrolle so unangefochten wie heute. Im Mai holte er das 2012 verlorene Landtagsmandat zurück, als Justitiar seiner Fraktion und Vorsitzender im Amri-Ausschuss übernahm er in Düsseldorf wichtige Aufgaben; in seiner Regie gewannen Hermann Gröhe und die CDU im Herbst die Bundestagswahlen in Neuss.

Wenn Jörg Geerlings es wollte, hätte er den Zugriff auf die Bürgermeister-Kandidatur als Herausforderer von Reiner Breuer 2020. Seine Kritiker sind verstummt, seine Herausforderer um Michael Werhahn, Dieter Welsink, Jutta Stüsgen und Sebastian Ley, die ihm vor zwei Jahren den Parteivorsitz streitig machten, sind von der operativen politischen Bühne in Neuss verschwunden. Fazit: Ohne den in Düsseldorf erfolgreichen, in Neuss präsenten und über den Niederrhein heraus bestens vernetzten Jörg Geerlings geht in der Neusser CDU nichts.

Just in dieser Phase der scheinbar geordneten Machtverhältnisse, haben Spekulationen um die Zukunft des langjährigen Parteivorsitzenden Konjunktur: Bewirbt er sich für eine siebte Amtszeit oder zieht er sich zurück? Es geschieht, was immer geschieht, wenn sich ein Machtvakuum auftut - auch wenn es nur ein scheinbares ist: Nachfolger werden gehandelt. Die einen, wie der Stadtverordnete Sebastian Rosen (43), melden ihre Kandidatur für den Fall an, dass Jörg Geerlings sich nicht mehr zur Verfügung stellt. Hoch im Kurs steht Jürgen Brautmeier (63). Der ehemalige Direktor der Landesanstalt für Medien NRW wohnt in Uedesheim und leitete erfolgreich für Geerlings den Landtagswahlkampf. Auch Parteivize Bernadette Thielen und Senkrechtstarter Axel Stucke, der neue Prologius des neuen Nüsser Ovends, werden genannt.

Befeuert wird die Personaldiskussion durch das beharrliche Schweigen des Parteivorsitzenden. "Stand heute", so sagt Geerlings, "machen alle weiter." Der Vorstand sei das richtige Gremium für personelle Überlegungen: "Dort werden alle gefragt. Dort werden sich alle rechtzeitig erklären - auch ich."

Diese Einlassung ist interpretationsfähig. Eine kraftvolle Kampfansage des CDU-Anführers mit Blick auf 2020, wenn sich Reiner Breuer, der erste Sozialdemokrat auf dem Neusser Bürgermeister-Sessel, der Wiederwahl stellen muss und die CDU zu einem Ergebnis über der 40-Prozent-Marke zurückfinden will, hört sich jedenfalls anders an. Aber meint es Geerlings ernst?

Was spricht für einen Rückzug? Wer seiner Partei zwölf Jahre als Vorsitzender gedient hat, hat auch das Recht zu entscheiden, wenn es genug ist, und vielleicht hat er sogar die Verpflichtung, den Weg für Neues frei zu machen. Eine Verteilung der Arbeit und der Macht auf mehrere Schultern ist durchaus ein ehrenwertes demokratisches Motiv. Die Vorbereitung der Kommunalwahl 2020, Auswahl des Breuer-Herausforderers und der Ratskandidaten inklusive, ist eine Herkules-Arbeit mit ungewissem Ausgang und somit keine vergnügungssteuerpflichtige Veranstaltung. Zudem ist Geerlings inzwischen verheiratet, Vater einer Tochter - und der Familie will und muss er Zeit schenken.

Was spricht gegen einen Rückzug? Vor zwei Jahren hat er um den Vorsitz gekämpft und bei seinem Sieg mit Michael Werhahn einen respektablen Vorsitzbewerber aus dem Rennen genommen. Nach nur so kurzer Zeit nun die Partei sich selbst zu überlassen, hätte ein Geschmäckle. Außerdem ist bekannt, dass der Vorsitzende bereits intensiv nach geeigneten Bürgermeister-Kandidaten Ausschau hält und fleißig am Personaltableau für die nächste Ratswahl bastelt. Das zeigt nur, dass Geerlings Freude daran hat, Politik in Neuss zu gestalten.

Dennoch zögert er (wieder) und Erinnerungen werden wach. Auch als 2014 die Bürgermeister-Kandidatur auf ihn zu zulaufen schien, überlegte er sehr lange und griff letztlich nicht zu. Thomas Nickel trat an und verlor gegen Reiner Breuer. Auch eine Niederlage für den CDU-Chef. Doch Geerlings kam zurück, blieb Parteivorsitzender und holte sich die Landtagskandidatur und das Direktmandat.

Als Kämpfer feierte Jörg Geerlings seine größten Erfolge und dennoch verfällt er in alte Strickmuster des Zögerns und Zauderns? Wohl kaum. Wahrscheinlich ist, er weiß es selbst noch nicht beziehungsweise er fühlt sich so stark, dass er sich nicht drängen lässt. Er ist in einer komfortablen Situation. Hört er auf, so wird er Verständnis ernten. Er hat die Partei wieder geeint und hat ihr mit den jüngsten Wahlerfolgen neues Selbstvertrauen geschenkt. Außerdem bliebe er nicht nur als Vize-Bürgermeister in Neuss präsent. Macht er als Vorsitzender weiter, wird er viel Zuspruch und Rückendeckung erhalten. Keine schlechte Perspektive für einen Zauderer.

Quelle: NGZ
 
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