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Heimat erleben in Neuss
Woher kütt, wie mer kalle

Heimat erleben in Neuss: Woher kütt, wie mer kalle
Wilhelm Schepping ist Vorsitzender des Arbeitskreises Mundart der Neusser Heimatfreunde. FOTO: Andreas Woitschützke
Neuss. Das Nüsser Platt ist eine eigene Sprache, die aber auch schon innerhalb von Neuss Unterschiede aufweist. Im Süden der Stadt zeigen sich starke Einflüsse aus dem Kölschen, weiß der frühere (Hochschul-)Lehrer Wilhelm Schepping Von Dagmar Fischbach

Düsseldorfer sind ursprünglich Neusser. Das sagt Wilhelm Schepping, Vorsitzender des Arbeitskreises Mundart der Neusser Heimatfreunde. "Im Mittelalter wurde die Stadt Neuss irgendwann zu klein für all die Menschen, die gern hier an der Erft leben wollten", sagt er. "Weil es auch damals schon Verbindungen über den Rhein gab, entdeckten sie, dass auf der anderen Seite noch ein Flüsschen existierte - die Düssel. Und weil es auch gutes Ackerland gab, ließen sich dort nieder."

Der Grund für seine These: In Düsseldorf wird dasselbe Platt gesprochen - und Neuss ist nun mal die ältere Stadt. "Es ist also keine abwegige Theorie. Korrekt belegen kann ich sie allerdings nicht", sagt der ehemalige Direktor des Kölner Instituts für Musikalische Volkskunde und schmunzelt.

Schepping hat sich viel mit dem Nüsser Platt beschäftigt. Eine Sprache, die auszusterben droht. "Es galt lange Zeit als unschicklich, Platt zu sprechen. Man sah darin ein Zeichen für mangelnde Bildung", berichtet der 83-Jährige. "Viele Menschen haben es deshalb nicht gelernt und in den Schulen wird es schon gar nicht unterrichtet."

Bis zum Zweiten Weltkrieg war Platt noch Umgangssprache in Neuss. "Ich habe es ganz selbstverständlich beim Spielen auf der Straße gelernt. Obwohl meine Eltern zuhause ausschließlich Hochdeutsch sprachen", erinnert sich Wilhelm Schepping, der neun Jahre lang Deutsch und Musik am Quirinus-Gymnasium unterrichtete.

Nach dem Krieg seien viele nach Neuss umgesiedelt. Das hiesige Platt war ihnen fremd. Und die Stadt wuchs weiter. Menschen aus anderen Regionen zogen zu. Heute beherrschen kaum noch jüngere Leute die Neusser Mundart, bedauert Schepping.

Die wenigsten wissen ihm zufolge, dass es sich beim Platt tatsächlich um eine eigene Sprache handelt und nicht etwa um die Verballhornung des Hochdeutschen. Das Neusser Platt zählt zu den südniederfränkischen Dialekten, die sich durch die Benrather Linie zum Ripuarischen abgrenzen. Das wird übrigens in Köln gesprochen. "Und in Weckhoven", sagt der Mundart-Kenner, der in der Quirinusstadt geboren wurde.

In dem südlichen Stadtteil von Neuss seien die kölschen Einflüsse auf die Sprache viel stärker als die Neusser. "Das mag daran liegen, dass dieses Dorf damals auf der Köln zugewandten Seite der Erft lag", erläutert der Gründer und langjährige Leiter des Neusser Kammerorchesters. "Die Flussmündung war früher weitaus breiter als heute - ein ganzes Delta mit Sumpfzonen. Nach der Zerstörung der Römerbrücke im Truchsessischen Krieg 1586 stellte es eine schwer zu überwindende Grenze dar. "Daher die weit stärkere Verbindung mit Köln.

Auch im ebenso von Neuss getrennten Grimlinghausen seien "kölsche Tön" noch erkennbar. Vermutlich durch die Nähe und die gute Verkehrsverbindung zur Innenstadt - von dort fuhr einst sogar eine Straßenbahn nach Grimlinghausen - habe sich in "Hippelank" die Mundart jedoch weit stärker dem Neusser Platt angenähert als in Weckhoven.

"Ich selbst bin in der Stadt aufgewachsen", erzählt Schepping. Obst und Gemüse habe die Familie im Lebensmittelladen gekauft. "Deshalb kannte ich dafür nur die hochdeutschen Bezeichnungen und wusste beispielsweise nicht, wie Johannisbeeren auf Platt heißen. In den ländlicheren Stadtteilen wäre es undenkbar, nicht zu wissen, was eine Jannsdruv ist."

Während diese Bezeichnung noch recht nah am Hochdeutschen ist, mögen Wörter wie Prummetaat (Pflaumenkuchen), Blaare (Kinder), Driet (Dreck) oder Schmacht (Hunger) für manchen klingen wie böhmische Dörfer. "Daran sieht man, dass Platt tatsächlich eine ganz eigene Sprache ist. Aber man kann alles lernen - och Nüsser Platt ze kalle", ist der 83-Jährige überzeugt.

Die Bezeichnung "Platt" hat übrigens gar nichts damit zu tun, dass es die Sprache eines platten Landes ist. Platt bedeutet im Altfränkischen nicht nur "flach", sondern auch "direkt". Und jemandem etwas "platt för dr Kopp" zu sagen, bedeutet schlicht, es unverblümt auszusprechen.

Quelle: NGZ
 
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