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Sommerinterview Ernst Balsmeier (74)
"Wohlfühlen geht auch ohne zu gucken"

Sommerinterview Ernst Balsmeier (74): "Wohlfühlen geht auch ohne zu gucken"
Ernst Balsmeier ist Vorsitzender des Sehbehinderten- und Blindenvereins im Rhein-Kreis Neuss und hat in der City einen Lieblingsplatz: den Neusser Markt. FOTO: Lothar Berns
Neuss. Der Vorsitzende des Sehbehinderten- und Blindenvereins erklärt, warum er die Atmosphäre am Neusser Markt so gerne erlebt, warum Orte schön sein können, auch wenn man sie nicht sieht - und er spricht über Hilfe, die man gar nicht braucht.

Herr Balsmeier, warum haben Sie den Neusser Markt als Treffpunkt für unser Gespräch ausgewählt?

Ernst Balsmeier Ich bin gerne am Markt, weil hier immer etwas los ist - egal ob es schneit oder die Sonne scheint. Der Markt ist einfach angenommen worden, vor allem von jungen Leuten - im Gegensatz zum Platz vor dem Romaneum.

Sie sind seit mehr als zehn Jahren erblindet. Wie nehmen Sie den Markt wahr?

Balsmeier Wenn man nichts sehen kann, dann ändert sich die gesamte Wahrnehmung. In erster Linie kann ich mir hier die Leute nicht anschauen und lästern (lacht). Ich nehme die Atmosphäre wahr mit meinem Gehör und mit meinem gesamten Empfinden.

Warum schätzen Sie die Atmosphäre?

Balsmeier Der Geräuschpegel ist einfach lebendig und angenehm. Ich bekomme mein Umfeld mit und kann hier sehr gut die Seele baumeln lassen. Und außerdem sind die Leute unwahrscheinlich nett. Sehbehinderte und Blinde haben immer das Handicap, dass sie darauf warten müssen, angesprochen zu werden. Wenn ich in eine Kneipe gehe, dann finde ich den Tresen, aber nicht die Menschen. Deshalb bleiben viele Leute lieber zu Hause. Ich finde: Man muss über seinen Schatten springen und die Leute ansprechen, auch wenn man sie nicht sieht.

Wie haben Sie denn den Anblick des Marktes in Erinnerung?

Balsmeier Ich habe ihn früher als ziemlich langweilig empfunden. Erst in den letzten zehn Jahren hat sich das so schön entwickelt mit den vielen Cafés. Rein baulich hat sich ja nicht so viel verändert, wie ich gehört habe.

Kann man einen Ort schön finden, auch wenn man ihn nicht sieht?

Balsmeier Ja. Natürlich sind 85 Prozent der Informationen, die ein Mensch aufnehmen kann, visuelle Eindrücke. Die fehlen, aber es bleiben die Sinne Hören und Fühlen. Ich höre zwar nicht besser seit meiner Erblindung, sagt meine Frau. Aber ich höre intensiver. Ein Maximum an Informationen, die ich früher gesehen habe, höre ich jetzt. Der Kopf versucht, das zu ersetzen. Um mich wohlzufühlen, muss ich nicht gucken können. Das sagt das Wort schon: Fühlen.

Ist das Ihre Grundeinstellung?

Balsmeier Genau. Ich muss mich doch nicht über etwas aufregen, was ich eh nicht ändern kann. Ich hole mir Lebensqualität auf andere Weise: über Musik oder indem ich ein Buch höre. Es gibt Nächte, da komme ich nicht ins Bett, bis das Kopfkino endlich zu Ende ist.

Ist Neuss eine komplizierte Stadt für Sehbehinderte und Blinde?

Balsmeier Es wurde mittlerweile einiges getan. Der Bahnhofsvorplatz ist jetzt zum Beispiel mit Leitschienen im Boden ausgestattet, die mir helfen, mich mit meinem Stock zurechtzufinden. Der Stock ist sozusagen mein Navi. Auch auf dem Straßenzug in der Innenstadt gibt es Leitschienen, die sind aber nicht so gut angelegt: Entweder laufe ich gegen eine Laterne, oder die Leute wollen mich retten, weil ich zu nah an der vorbeifahrenden Straßenbahn entlang laufe. In der Vergangenheit wurden die Betroffenen bei Entscheidungen oft nicht mit ins Boot genommen. Das hat sich wesentlich geändert.

Inwiefern?

Balsmeier Wir sitzen mit am Runden Tisch unter der Leitung des Behindertenbeauftragten der Stadt, Max Fischer. Es gibt Bauvorschriften, an die sich die zuständigen Behörden zu halten haben. Hier gibt es klare Richtlinien.

Warum lieben Sie Neuss?

Balsmeier Weil wir hier ein hervorragendes kulturelles Angebot haben. Die Zeughaus-Konzerte sind Weltspitze, das Theater, der Kulturkeller - das ist alles wunderbar. Mir gefällt die Stadt, ich fühle mich hier im wahrsten Sinne wohl. Und bei Bedarf bin ich schnell in Düsseldorf.

Dabei sind Sie kein gebürtiger Rheinländer und haben auch lange Zeit beruflich im Ausland verbracht.

Balsmeier Wenn man kein Rheinländer ist, dann hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man mag sie, oder man mag sie nicht. Wir haben uns entschieden, sie zu mögen. Das macht das Leben sehr viel einfacher und schöner.

Sie sagten vorhin, die Leute in Neuss sind nett. Weil Sie Ihnen helfen?

Balsmeier Wer behauptet, die Leute wären nicht hilfsbereit, der hat keine Ahnung. Wenn ich mich hier mit meinen Stock auf dem Markt stelle, dann dauert es eine Minute, und schon wollen mir zwei Leute helfen - auch wenn ich die Hilfe gar nicht brauche. Vor allem junge Menschen sind unbeschwert und ohne Vorurteile. Ich bin zwar nicht immer darauf angewiesen, aber ich habe kein Problem damit, Hilfe anzunehmen. Wenn mich eine charmante Weiblichkeit zum Zug bringen möchte, dann sage ich doch nicht nein!

ANDREAS GRUHN FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: NGZ
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