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Neuss
Zwei Sichtweisen auf den Nahost-Konflikt

Neuss: Zwei Sichtweisen auf den Nahost-Konflikt
Israel hat an der Grenze zum Westjordanland eine Sperranlage gebaut. FOTO: AP
Neuss. Das gab es so noch nicht: Während im Romaneum der VHS die Ausstellung "Haft ohne Anklage" eröffnet wurde, wurden parallel in einem Vortrag die Ausstellungsmacher hinterfragt. Vom schwierigen Ringen um Ausgewogenheit. Von Helga Bittner und Stefan Reinelt

Kaum ein Besucher wird es geschafft haben, an diesem Abend alle Schrifttafeln über die Administrativhaft in Israel zu lesen, womöglich zu hinterfragen. Letzteres scheinen aber auch nur wenige der rund 60 Besucher der Ausstellung "Haft ohne Anklage" im Romaneum im Sinn gehabt zu haben. Die beiden Ausstellungsmacherinnen Nora Demirbilek und Katerina Perosie trafen bei der Eröffnung der Schau, die auf ihrem gemeinsamen wissenschaftlichen Forschungsprojekt beruht, auf Zuhörer, die ihnen erkennbar Glauben schenken wollten. Dass hinter der Schau auch der umstrittene Verein Handala steckt, dem eine einseitige Parteinahme für Palästinenser vorgeworfen wird, war kein Thema.

Gisela Roth-Demirbilek vom Mitveranstalter Amnesty International mit den beiden Politikwissenschaftlerinnen, Katarina Peros und Nora Demirbilek FOTO: Berns, Lothar

Aber unter den Zuhörern waren auch einige, die bewusst mit einem Partner ins Romaneum gekommen waren: Der Eine ging zur Ausstellung, der andere in die Gegenveranstaltung mit dem Vortrag von Felix Riedel über Handala und das Israelbild eine Etage tiefer.

Nora Demirbilek, übrigens in Neuss aufgewachsen, konzentrierte sich allein auf ihre Forschungsergebnisse und erklärte, wie sie zustande gekommen seien. Mit Interviews von direkt Betroffenen und Angehörigen, mit Menschenrechtsorganisationen und Auswertungen von Statistiken. Ihre persönliche Initialzündung bekam sie bei einem Aufenthalt 2011/12 im palästinensischen Nablus und dem Austausch des von der Hamas gefangengehaltenen israelischen Soldaten Gilad Shalit gegen 1027 palästinensische Häftlinge. "Das wurde sehr unterschiedlich wahrgenommen", sagt sie, "einerseits war man in den Familien froh über die Rückkehr der Angehörigen, andererseits fragte man sich: Wie wenig ist ein palästinensisches Leben eigentlich wert?" Demirbileks und Peros' Forschungen haben nach eigenen Angaben zudem ergeben, dass viele der Freigelassenen später wieder verhaftet wurde. Ohne Anklage und oft auch ohne jede Angabe von Gründen.

An eben diesem Vorgehen, dass die israelische Politik mit dem Ausnahmezustand des Landes begründe, entzündet sich die Kritik der Politikwissenschaftlerinnen. Sie werfen dem Land den Bruch Internationalen Rechts vor, es handele wie Afrika zur Zeit der Apartheid und die USA in Sachen des Gefängnisses Guantanamo auf Cuba. Die sogenannte Administrativhaft wird in Israel nur einer richterlichen Überprüfung unterzogen: "Sie dient nur der Verlängerung", sagte Demirbilek. Dass so mancher der Inhaftierten - zur Zeit sind es nach ihren Angaben 414 - zur gewalttätigen Hamas gehört und als Terrorverdächtiger gilt, wurde indes weich gespült: Die Hamas sei heute die gewählte Regierung im Gazastreifen. An diesem Punkt zeigte sich aller wissenschaftlichen Herangehensweise zum Trotz dann doch eine - wahlweise - gewisse Realitätsferne oder einseitige Realitätssicht.

Aber: Eine monatelange Inhaftierung ohne Verfahren wäre in einem Rechtsstaat, wie wir ihn kennen, unmöglich. Das sagte einer, der es wissen muss: Hartmut Rohmer. Der kulturpolitische Sprecher der SPD und ehemalige Leiter des Landeskriminalamtes stellt ganz klar fest. "Bei uns muss spätestens nach 24 Stunden ein Haftbefehl ausgestellt werden."

Bürgermeister Herbert Napp hatte zu der Gegenveranstaltung mit Redner Felix Riedel (v.l.) ebenfalls ins Romaneum eingeladen. FOTO: Berns, Lothar

Ein Vortrag über die Macher der Ausstellung "Haft ohne Anklage" fand bewusst zeitgleich zur Eröffnung statt und sollte Hintergrundwissen vor einem Besuch der Veranstaltung vermitteln. Statt dort dem Einführungsvortrag zu folgen, hörten rund 25 Gäste dem Völkerkundler und Konfliktforscher Felix Riedel zu, der über "Das Israelbild der Gruppe Handala Marburg" sprach. Dazu hatte ihn Bürgermeister Herbert Napp eingeladen. Aus Gründen der Ausgewogenheit.

Die studentische Initiative Palästinas in Deutschland hat sich vor rund fünf Jahren in der hessischen Stadt Marburg etabliert. "Man gibt sich sehr dezent und akademisch aus", sagte Riedel. Benannt hat sie sich nach einer 1969 erstmals veröffentlichten Comicfigur eines kleinen palästinensischen Jungen.

Riedel zeigte Beispiel-Bilder: Handala beim Verbrennen der israelischen Fahne, Handala, wie er diese mit Steinen bewirft. Meist sieht man ihn mit dem Rücken zugewandt und mit verschlossenen Händen: Befürworter deuten diese Gestik als Resignation, Kritiker als Ablehnungshaltung für alle Verhandlungen. Als weitere Quelle zog Riedel die Facebook-Seite des Vereins heran, wo Beiträge den Antisemitismus verleumden und Feindbilder des Westens kreiert würden. Die Berufung auf das Rückkehrrecht palästinensischer Flüchtlinge gemäß der UN-Resolution 192 und der darum aufgebaute Kult sei ein "maskierter Wunsch nach der Vernichtung Israels". Das damit verbundene Symbol - ein Schlüssels - wird in vielen Handala-Karikaturen und auch in der Ausstellung gezeigt.

Deren Inhalt über die Administrativhaft für Palästinenser sprach Felix Riedel die ausgewogene Darstellung ab. Die palästinensische Autonomiebehörde betreibe ein "Anreizsystem für terroristische Akte", indem sie Renten an Häftlinge bezahle aufsteigend nach der Schwere des Verbrechens.

Zu diesem Gegen-Vortrag hatte Napp zusammen mit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) Düsseldorf eingeladen. Wegen anderweitiger Termine kam Napp allerdings nur kurz zur Begrüßung des Referenten ins Romaneum. Bereits nach der Einführung durch Moderatorin Dagmar Kann-Coomann meldete sich eine Zuhörerin mit der Kritik zu Wort, dass die Handala-Vorsitzende Nora Demirbilek durch die zeitgleiche Ansetzung zur Ausstellungseröffnung nicht persönlich Stellung beziehen könnte. Der Dame, die sich später als Palästinenserin vorstellte, wurde das Wort jedoch abgeschnitten mit Verweis auf eine Diskussion im Anschluss. Dieses Vorgehen fand nicht bei allen Verständnis - ein Gast verließ aus Protest den Saal.

Die Debatte verlief zum Teil hitzig. Dabei stand weniger der Verein Handala im Mittelpunkt, sondern der Konflikt zwischen Israel und Palästina. Ebenso wurde die Referenz von Felix Riedel als Vortragender hinterfragt. Er würde sich - anders als angekündigt - nicht als Antisemitismusexperte bezeichnen, sagte dieser, auch wenn er an der Uni Marburg Vergleiche und Fallanalysen zum Thema verfasst und sich im örtlichen Bündnis gegen Antisemitismus engagiert hat. Den Kontakt zu ihm hatte Michael Szentei-Heise von der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf hergestellt.

Quelle: NGZ
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