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Neuss
Zwischen Wachen und Träumen

Neuss: Zwischen Wachen und Träumen
In jedem Sinne ein grandioses Spiel: von Schauspieler Dominique Horwitz und den Musikern der Lautten Compagney (hier Flötist Martin Ripper). FOTO: C. Krey
Neuss. Mit einer sehr eigenen Version des "Sommernachtstraums" haben Schauspieler Dominique Horwitz und die Lautten Compagney im Globe begeistert. Gleichfalls wertvolle Mitspieler waren Marielou Jacquard und Suse Wächter. Von Helga Bittner

"Sommernachtstraum!" Mit Ausrufungszeichen. Ist auch nötig. Denn der "Sommernachtstraum" von Dominique Horwitz und der Lautten Compagney sowie der Sopranistin Marielou Jacquard und der Puppenspielerin Suse Wächter ist allenfalls eine Behauptung dessen, was Shakespeare einst geschrieben hat. Auch deswegen trifft es der Titel des Abends auf der Homepage von Horwitz um Längen besser: "Sommernachtsfantasien zum Shakespeare-Festival Neuss" steht da. Welch schöne Werbung zum 25-Jährigen des internationalen Theatertreffens im Globe! Dominique Horwitz trug sie gleich gestern Abend, 24 Stunden nach seinem Neusser Auftritt, in die Schweiz, nach Zürich. Der einzige Nachteil: Ein zweiter Abend im Globe war dadurch nicht drin. Dabei hätten es sogar mehr als nur einer sein dürfen.

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Der Schauspieler, die Musiker, die Sängerin und die Puppenspielerin schaffen sich auf der Bühne ihr eigenes Elfenreich. Mit ein bisschen Nebel, mit der wunderbaren Musik von Henry Purcell bis John Dowland, mit kleinen sprechenden Requisiten - und mit Besuchern wie Michael Jackson und Sigmund Freud. Denn glatt ist nichts an dieser Text-Inszenierung, die das Nehrkorn Textkombinat aus der Komödie destilliert hat.

Im Gegenteil. Sie ist ruppig, ungewohnt, ganz weit weg von purer Rezitation. Sie vermischt Realität und Traum, lässt lachen, schmunzeln, sinnieren ... kurzum: Sie ist ein wunderbares Spiel. Ein bisschen exzentrisch und so herrlich treffend auf die Spieler abgestellt, dass da ein neuer "Sommernachtstraum" heranwächst. Ein eigenes Stück, das endlich jene ins Zentrum rückt, die im Original nur Beiwerk sind: die Handwerker um Peter Squenz, die Träumer per se, die sich mit der "höchst kläglichen Komödie und des höchst grausamen Tods des Pyramus und der Thisbe" zu verwirklichen glauben.

Dass es von dem Sechser-Pack vor allem Zettel ist, in den Horwitz hineinschlüpft wie in einen perfekt sitzenden Anzug, wundert nicht. Zu dankbar ist diese Rolle, die schließlich wortwörtlich den verliebten Esel einbezieht. Und als eben dieser Punkt erreicht ist, der Esels-Zettel zum Augenstern von Elfenkönig Titania wird, zeigt Horwitz, dieser Künstler, dessen abstehende Ohren längst ein Markenzeichen geworden sind, wunderbare Selbstironie. Perkussionist Peter A. Bauer baut sich hinter ihm auf und setzt zwei große Handtrommeln in Ohrhöhe des Schauspielers an, während der sich an die kabbelige Titania der Marielou Jacquard heranwanzt.

Überhaupt gibt es in dieser Inszenierung keine Begleiter. Nur richtige (Mit-)Spieler, vom Lautenisten bis zur Sängerin - jeder spielt eine Rolle. Und Suse Wächter sowieso. Die bringt nicht nur sprachlich eine eigene Farbe ein, sondern vor allem mit ihren so lebendig wirkenden Puppen: Jacksonweiß und Jacksonschwarz sowie Sigmund Freud.

Die singen oder spielen Klavier ("Ganz in Weiß" beider Jacksons, Flohwalzer, "Für Elise", die Goldberg-Variationen von Freud am Cembalo mit Hilfe von Mark Nordstrand), wirken gar nicht mehr wie Puppen. Dazu schwadroniert Freud aus Wächters Mund in schönstem Österreichisch über den merkwürdigen Traum des Herrn Zettel und die Liebe, die auch vor einem Esel nicht Halt macht. Obwohl: "Wenn 65 Millionen Menschen sich einst nicht in einen Esel verliebt hätten, wären uns eine Menge Unannehmlichkeiten erspart geblieben." Und schon sitzt ein kleiner Hitler da, schnarrt Grönemeyers "Flugzeuge im Bauch". Bös, sehr bös, aber Träume sind auch nicht immer schön.

Quelle: NGZ
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