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Radevormwald
Bibel von 1601 für reformierte Gemeinde

Radevormwald: Bibel von 1601 für reformierte Gemeinde
Pfarrer Dr. Dieter Jeschke von der reformierten Kirchengemeinde präsentiert die Luther-Bibel, die aus dem Jahr 1601 stammt. Sie wird künftig ihren exponierten Platz im Vorraum der Kirche am Marktplatz bekommen - geschützt durch Gitter oder Glas, denn die alte Bibel ist sehr empfindlich. Da ist es ganz entscheidend, wie das Licht ist und wie viel Feuchtigkeit im Raum ist. FOTO: nico hertgen
Radevormwald. Den Kirchtag am kommenden Montag nutzt die reformierte Kirchengemeinde für eine ganz besondere Präsentation: Ein Ehepaar, das nicht genannt werden möchte, hat der Gemeinde eine Luther-Bibel aus dem 17. Jahrhundert geschenkt. Von Joachim Rüttgen

Ganz vorsichtig entfernt Pfarrer Dr. Dieter Jeschke von der reformierten Kirchengemeinde die Schutzfolie. Dann zieht er sich weiße Samthandschuhe an. Da kommt ein Eisenbeschlag zum Vorschein. Ein Schlag - und schon öffnen sich die Verschlüsse des Buches. "Daher stammt der Ausspruch 'ein Buch aufschlagen'", erklärt Jeschke und blickt auf die Luther-Bibel aus dem Jahr 1601. Holz, mit Leder überzogen, bestimmt weit mehr als 1000 Seiten. Edel, wertvoll, aufwendig restauriert. Ein Ehepaar aus der Gemeinde, das nicht genannt werden möchte, hat die Bibel der Gemeinde geschenkt.

"Eine normale Luther-Übersetzung, die 1737 in Holland von Johann Grafweg gekauft wurde. Dieser Name lässt darauf schließen, dass die Bibel von Anfang an eine Verbindung zu Radevormwald hatte", sagt Jeschke in Anspielung an den Rader Ortsteil. Grafweg sei Proviser (Diakon) in der reformierten Gemeinde gewesen und habe sich für die Armenfürsorge engagiert.

Etwa vor einem Jahr erhielt Jeschke den Anruf des Ehepaares aus der Gemeinde. "Sie hätten ein Schätzchen für mich, dass sie in gute Hände abgeben wollten", sagt der Pfarrer, der selbst eine Bibel von 1568 zu Hause hat. Natürlich habe die Gemeinde die Bibel umgehend über das Bibelwerk Wuppertal und Pfarrer i.R. Wolfgang Motte, den Geschichtsexperten der Gemeinde, prüfen lassen. Und in der Tat entpuppte sich die Bibel als wertvolles Exemplar. Sie war aber in einem solch schlechten Zustand, dass die Gemeinde sich dazu entschloss, sie bei Diplom-Restauratorin Marita Kuhn in Remscheid sechs Monate lang restaurieren zu lassen - Kosten: 4000 Euro, finanziert durch Spenden. "Den Staub von Seite 1 hat sie uns in einem Tütchen mitgegeben", berichtet Jeschke. Jede Seite habe die Fachfrau mit dem Wedel bearbeitet. Eine mühsame, aber spannende Aufgabe. Jetzt erstrahlt die Bibel in neuem Glanz, aber altem Gewand. Die Seiten sind neu, weil die Ränder arg angefressen waren.

"Schon damals war eine Bibel etwas sehr Wertvolles, da musste ein Bauer viele Bullen für opfern", sagt der Pfarrer. Zur Tradition im Bergischen gehörte es, dass jede Familie eine Bibel besaß. Sprüche zur Taufe, zur Trauung oder zur Beerdigung wurden dem Buch entnommen.

Jeschke blättert vorsichtig in dem Werk aus dem 17. Jahrhundert: "Da haben viele Generationen drin gelesen. Von Harry Potter spricht in zehn Jahren niemand mehr, aber von so einer Bibel reden viele Generationen", sagt er fasziniert.

Die alte Bibel bekommt einen Sonderplatz - nicht im gemeindeeigenen Archiv im Dietrich-Bonhoeffer-Haus, sondern im Vorraum der reformierten Kirche am Markt. Durch Glas und Gitter geschützt, soll sie stets zu sehen sein. "Als Denkanstoß, was uns die Bibel heute bedeutet", sagt Jeschke. In keiner Religion sei die Heilige Schrift so wenig wert wie im Christentum. "Es ist wichtig, das richtige Maß zu finden und das Buch als Lebensbuch zu sehen", sagt Jeschke. Das habe auch mit Respekt zu tun.

"Wir verstehen die Bibel heute anders als vor 200 Jahren, eine Bibel ist ein Lebensbegleiter, obwohl heute kaum noch jemand darin liest." Höchstens bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen komme sie mal zum Einsatz.

Jeschke will die Bibel beim Kirchtag mit einer kleinen Andacht präsentieren und zugleich die neu zugezogenen Gemeindeglieder begrüßen. "Ich möchte das Bewusstsein schaffen, dass wir als bodenständige Gemeinde offen und einladend sind. Kirche hat zu oft eine Wagenburgmentalität. Das muss mich nicht wundern, wenn wir nichts zu bieten haben", sagt der Pfarrer.

Quelle: RP
 
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