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RP-Serie: Heimat
Daheim ist daheim

RP-Serie: Heimat: Daheim ist daheim
Der Obergraben führt zum Wülfing-Museum in Radevormwald. Die Tuchfabrik wurde 1996 für immer geschlossen, heute ist sie ein Museum. FOTO: Nico Hertgen
Radevormwald. Heimat ist mehr als nur irgendein Ort, indem man zufällig geboren wird. Hildegard und Herbert Moeselaken haben ihr Herz an die Wupperorte verloren. Mit ihrem Bürgerverein sorgen sie sich um deren Attraktivität. Von Flora Treiber

Damit ein Ort zu einer Heimat wird, muss er mehr sein als ein Platz, an dem man persönliche Gegenstände und Erinnerungen aufhebt, an dem man schläft oder arbeitet. Heimat entsteht nur da, wo Menschen aufeinandertreffen, sich gegenseitig unterstützen, gemeinsame Ziele verfolgen und einander achten. Für Herbert und Hildegard Moeselaken sind die Wupperorte in Radevormwald genau das - Heimat. Obwohl das Ehepaar ursprünglich aus der Nähe von Neuss kommt und sich bis 2006 in Wermelskirchen eingerichtet hatte, sind die Außenortschaften von Radevormwald zu ihrer echten Heimat gewachsen.

Als Herbert Moeselaken als Diakon für die Katholische Kirchengemeinde nach Radevormwald kam und das erste Mal durch die Straßen an der Wupper ging, war er erschrocken. "Es war dunkel, erdrückend und zugewuchert", erinnert er sich. Als Liebhaber des ländlichen Lebens ließ er sich gemeinsam mit seiner Frau dennoch schnell auf das Leben in Radevormwald ein. Aber nicht mit einem Schulterzucken, sondern mit einem kritischen Blick für seine Umgebung. Die erste Zeit an seinem neuen Wohnort nutzte der Diakon, um sich mit den Menschen und der Geschichte des Ortes vertraut zu machen.

An der Wupper, wo einst zahlreiche Kneipen, Einzelhändler und Arbeitsplätze zu finden waren, war 2006 ein grauer Wohnort mit meist desillusionierten Bewohnern zurückgeblieben. Obwohl die Stimmung drückend und die Zugehörigkeit zu dem Stadtkern Radevormwalds abhanden gekommen war, sind Hildegard und Herbert Moeselaken auf aufgeschlossene Menschen getroffen. "Wir wurden sehr gut aufgenommen. Die Menschen hier sind offen, ehrlich und hilfsbereit. Nur die Beziehung zu ihrem Wohnort war keine gute", sagt Hildegard Moeselaken.

Die spürbare Resignation, die an den Wupperorten nach dem Abbau von immer mehr Gastronomie und Einkaufsmöglichkeiten entstanden war, konnte der neue Diakon nicht hinnehmen. Mit Bürgerumfragen und in persönlichen Gesprächen ging er den Ursachen für die schlechte Stimmung nach, entwickelte in seiner Gemeinde und im Kontakt zu seinen neuen Nachbarn Lösungsansätze und wurde aktiv. "Die ersten Tätigkeiten und Aktionen haben wir aus meiner kirchlichen Tätigkeit heraus gestemmt. Als die Möglichkeiten erschöpft waren, haben wir den Bürgerverein für die Wupperorte gegründet." Der selbst ernannte "Vereinsmeier" sorgte unter anderem dafür, dass die Wupper-Aue angelegt wurde. Danach machte er Feste zum festen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens und war dafür verantwortlich, dass die Wupperorte wieder mehr zu einem lebensfrohen Ort wurden.

"Wir haben den Menschen Starthilfe gegeben und ihnen durchgeplante Ideen vor die Nase gesetzt. Das hat gewirkt, und viele haben mitgezogen. Jetzt sind die meisten wieder stolz, an der Wupper zu leben", sagt Hildegard Moeselaken. Mit einem Gespür für Menschen und einer großen Portion Tatendrang sind die Wupperorte für Herbert und Hildegard Moeselaken in den vergangenen zehn Jahren zu ihrer Heimat geworden. Das Quartier rund um ihr Eigenheim ist jetzt nicht nur Wohnort, sondern viel mehr als das, es ist: Heimat.

2011 haben sie sich deswegen dazu entschlossen, auch im Ruhestand in Radevormwald wohnen zu bleiben. Zwei Jahre später, nach der Zeit in der Pfarrwohnung, zogen sie in ein eigenes Haus, die ehemalige Kneipe "Zur gemütlichen Ecke". Der frühere Kult-Treff auf der Keilbeck ist genau der richtige Ort für die "Wupperaner": Er liegt mitten in den Wupperorten und beherbergt unzählige Geschichten, nüchterne und weniger nüchterne, die das Leben der Bewohner im Laufe der Zeit geprägt haben.

Für die nächsten Jahre haben sich die "Kümmerer der Wupperorte" zum Ziel gesetzt, weiterhin ein offenes Ohr für die Anregungen ihrer Nachbarn zu haben, weitere Bushäuschen zu erneuern und ein Begegnungszentrum einzurichten. "Wir brauchen einen Ort, besonders für Senioren, an dem die Menschen gemeinsam Zeit verbringen können. Diesen Ort werden wir in einigen Jahren vielleicht auch selbst brauchen", sagt der 69 Jahre alte Diakon. Aus eigenen Kräften will der Wupperverein diesen Plan umsetzen, um die Wohnqualität an der Wupper noch mehr zu steigern. Genau wie das Gefühl der Heimat.

Quelle: RP
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