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Radevormwald
Dramatische Momente im Prozess um Vergewaltigung

Radevormwald. Das Strafverfahren um die angebliche Vergewaltigung eines 16-Jährigen durch seinen Patenonkel wird fortgesetzt. Von Brigitte Neuschäfer

Sicher ist schon vor Ausgang des Strafverfahrens: Der heute 18-jährige Radevormwalder hat Schlimmes erlebt - darunter Mobbing und Ausgrenzung durch Mitschüler, außerdem Schläge, Beschimpfungen und Bedrohungen innerhalb der eigenen Familie. Selbst das Thema Ehrenmord stand im Raum, weil der Junge angeblich Schande über die aus der Türkei stammende und muslimisch geprägte Familie brachte. Der Grund für alle Angriffe gegen ihn: In der Pubertät hatte er seine Homosexualität entdeckt und sich unter dem wachsenden psychischen Druck auch den Eltern gegenüber dazu bekannt. Für die war das absolut inakzeptabel, denn sie sehen Homosexualität als eine ansteckende und damit auch für ihre weiteren Kinder gefährliche Krankheit, die sie unter anderem durch einen Heilpraktiker behandeln lassen wollten.

Vor dem Amtsgericht in Wipperfürth geht es um die Frage, ob der junge Radevormwalder vor zwei Jahren Opfer einer Vergewaltigung durch seinen Patenonkel geworden ist. Der 58-jährige Familienvater, der über Jahrzehnte lang eng befreundet war mit der Familie des jungen Mannes, ist angeklagt, den damals 16-Jährigen in seiner Wohnung zum Oralverkehr gezwungen zu haben. Der Jugendliche hatte sich am Tag danach einem Lehrer, einer Freundin, dem Schulsozialarbeiter und dem Jugendamt anvertraut und bei der Polizei Strafanzeige wegen Vergewaltigung durch den Nennonkel, den er seit seiner Kindheit "Opa" nannte, gestellt. Das Jugendamt nahm ihn aus seiner Familie heraus und brachte ihn in einer Jugendwohngruppe unter.

Der 58-Jährige bestreitet die Tat, obwohl Spermaspuren von ihm an einem T-Shirt des Jungen gefunden wurden, das unmittelbar nach der Anzeige von der Polizei sichergestellt worden war. Gestern am zweiten langen Verhandlungstag vor dem Schöffengericht wurden weitere Zeugen gehört, darunter ein Lehrer, die gute Freundin und eine Mitarbeiterin des Jugendamtes. Sie alle sagten aus, wie zutiefst schlecht es dem 16-Jährigen gegangen sei, als er von der Vergewaltigung berichtet habe. Dieser Bericht sei ihr "mehr als glaubwürdig" erschienen, unterstrich die Mitarbeiterin des Jugendamtes. Sie hatte schon vor dem Vorfall Kontakt zu dem Jugendlichen gehabt, weil der sich zu Hause nicht mehr sicher vor allem vor dem Vater gefühlt und Hilfe gesucht hatte.

Dramatisch wurde es im Prozess, als die Mutter des jungen Mannes als Zeugin aufgerufen wurde. Ihr Sohn sei immer "ein guter Junge" gewesen, sagte sie, anfangs noch ruhig, aus. Davon, dass er tatsächlich von dem "Onkel" und guten Freund der Familie vergewaltigt wurde, ist die Frau überzeugt. Sie beschimpfte den Angeklagten und brach danach schreiend und weinend im Gerichtssaal zusammen. Rettungssanitäter halfen ihr wieder auf die Beine. Von ihrer weiteren Vernehmung sah der Richter ab. Sie will das Gericht nun am dritten Verhandlungstag im Mai noch einmal anhören, außerdem die Ehefrau des Angeklagten. Ob es danach zu einem Urteilsspruch kommen wird, ist offen.

Der 18-Jährige ist Nebenkläger. Sein Anwalt fordert Schmerzensgeld in Höhe von etwa 7000 Euro, weil sein Mandant bis heute von der angeklagten Vergewaltigung traumatisiert sei. Zwischen den ehemals eng befreundeten Großfamilien herrschen mittlerweile nur noch Sprachlosigkeit und Hass.

Quelle: RP
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