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Radevormwald
Erschütternder Vortrag über die NS-Zeit in der Stadt

Radevormwald. Der Bergische Geschichtsverein berichtete im Bürgerhaus über "Zwangssterilisation und Euthanasie" in Radevormwald. Von Cristina Segovia-Buendía

"In der NS-Zeit stand der Volkskörper über die Gesundheit des Individuums", sagte Referent Dr. Ralf Forsbach von den Universitäten Bonn und Münster. "Die Entwicklung der Medizin zu dieser Zeit verfolgte drei Ziele: der Entindividualisierung, der Entemotionalisierung und der Entrechtlichung. Das wichtigste Kriterium war die Arbeitsfähigkeit." Im Klartext: Wer nicht gesund genug war, um zu arbeiten, und auch sonst nichts Nützliches für die Gesellschaft beitragen konnte, dem drohte Zwangssterilisation oder gar umgebracht zu werden.

Ein kalter Schauer durchzog viele der Anwesenden bei diesen harten, aber deutlichen Worten. Menschen mit Behinderung, psychischen oder physischen Einschränkungen wurden unter Vorwand in eine Klinik gebracht, wo sie, oft sehr schlecht versorgt, starben oder gleich mit einer Überdosis an Barbituraten (Schlafmittel) umgebracht wurden. Bei vererblich bedingten Behinderungen wurden Familienmitglieder zwangssterilisiert.

"Hans Rolf Selbach war mein Onkel", sagte Petra Ebbinghaus, nachdem Referent Forsbach das Schicksal von weit mehr als 200.000 Opfern des Euthanasie-Programms der Nazis anhand des damals 13-jährigen Radevormwalders verdeutlichen wollte. Selbach litt, nach einem Sturz und einer Kopfverletzung, an Epilepsie. Die Mutter brachte ihn zum Arzt, als es schlimmer wurde. Der Arzt schickte den Jungen zu einer Klinik in Mönchengladbach, wo er zunächst absichtlich mit Tuberkulose infiziert wurde, dann nach Klagenfurt in eine "Heilanstalt", wo er einen Tag später an einer Überdosis an Barbituraten starb. "Er wurde ermordet", sagte Ebbinghaus, "und ich bin nur auf der Welt, weil festgestellt wurde, dass die Epilepsie meines Onkels von einer Verletzung und nicht einer Vererbung stammt, sonst wäre wohl auch meine Mutter zwangssterilisiert worden."

Seit vielen Jahren beschäftigt sich die 61-Jährige, die ihren Onkel nie persönlich kennenlernen konnte, mit ihrer Familiengeschichte, hat viele Akten studiert. "Alles konnte ich aber bis heute nicht komplett lesen, weil mir wirklich schlecht wird, bei dem, was da steht." Beim Gerichtsprozess wurde die Schwester, die dem jungen Rader das Mittel verabreichte, zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Arzt wurde zum Tode verurteilt und starb durch den Strang, erzählte Ebbinghaus. "Im Sommer will ich mit meinen Mann nach Klagenfurt fahren, um mir das anzusehen." Schwer wird es sicherlich werden. "Es berührt einen doch sehr. Auch wenn ich meinen Onkel nicht kannte, spüre ich doch eine Verbindung, wenn ich mich mit ihm beschäftige."

Dasselbe Schicksal wie dem jungen Hans Rolf Selbach ereilte auch, wie bislang feststeht, zwei weiteren Radevormwaldern: Hilde Hahne, die 47 Jahre alt wurde, und Paula Dürhager, die 51 Jahre alt. "Was genau mit Tante Paula geschah, weiß ich nicht", sagt Hans Dürhager. "Ich weiß nur aus Erzählungen, dass sie eine kluge Frau war, eine Näherin, und sie nach dem Brand des Familienbauernhofes in Rädereichen nach Lüttringhausen in den Tannenhof kam." Von dort aus wurde sie 1944 nach Weilmünster gebracht, wo sie ermordet wurde. Noch immer wohnt der Senior in Rädereichen.

Dort wird kommenden Monat, am Mittwoch, 13. Juli, in Gedenken an seine Tante, zwischen 10 und 11 Uhr, ein Stolperstein von Gunter Demnig verlegt. Demnig wird sich an diesem Tag für die Aktion auch ins Goldene Buch der Stadt eintragen.

Auch Hans Rolf Selbach wird dann vor seinem Elternhaus an der Burgstraße 2 einen dieser Erinnerungs-Stolpersteine erhalten, ebenso wie Hilde Hahne an der Elberfelder Straße 118. An ihre letzte Lebensstation, in der Klinik Hadamar, im hessischen Landkreis Limburg, wird der Geschichtsverein in zwei Wochen, am 25. Juni, als anschauliche Ergänzung zum Vortrag von Ralf Forsbach mit interessierten Bürgern eine Tagesfahrt unternehmen. Einige Plätze sind noch frei. Anmeldungen sind über den Bergischen Geschichtsverein möglich.

Infos im Internet unter www.bgv-radevormwald.de

Quelle: RP
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