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Radevormwald
"Für mich herrschte Schweigen"

Den Abend des 27. Mai 1971 werden viele Radevormwalder nicht vergessen. Aber auch aus der Sicht eines heutigen Radevormwalders und damals erst 13-jährigen Wuppertaler Schülers ist dieser Abend immer noch in Erinnerung. Von Wolfgang Scholl

Wir wohnten an der Heckinghauser Straße nur wenige Hundert Meter von der damaligen Barmer Hauptfeuerwache Heidter Berg/Werther Brücke entfernt. Fahrzeuge, die in Richtung Osten (Oberbarmen und Beyenburg) fahren mussten, kamen immer an unserem Haus vorbei. An diesem Abend fuhr nach 21 Uhr, wahrscheinlich muss es so gegen 21.15 Uhr gewesen sein, ein erster Zug der Feuerwehr in Richtung Osten. Neugierde kam auf, als in kurzer Zeit, weniger als eine Minute nach dem ersten Zug, weitere Fahrzeuge unser Haus passierten. Darunter war neben einem Krankenwagen auch ein großer Kranwagen, der nur selten zum Einsatz kam. Als kurze Zeit später auch Krankenwagen anderer Organisationen, die sonst nur zu Sondereinsätzen mit Blaulicht unterwegs waren, und ausrangierte, ältere Feuerwehrfahrzeuge vorbeifuhren, stellten meine Eltern wie in Notfällen damals üblich, das Radio an. Denn wir hatten zu dieser Zeit noch kein Fernsehgerät.

Wir spekulierten, dass etwas sehr, sehr Schlimmes passiert sein musste. Wohl vor 22 Uhr oder in den Nachrichten um 22 Uhr gab es einen Hinweis auf ein Zugunglück - zuerst ohne Details.

Die Dimensionen wurden uns erst am nächsten Tag deutlich, als morgens vor dem Weg zur Schule weitere Rettungs- und Polizeifahrzeuge in Ost- und Westrichtung fuhren. Über Rundfunk und Zeitung gab es die weiteren Informationen über das Zugunglück, das sich nur wenige Kilometer entfernt ereignet hatte.

Im Herbst des Jahres 1971 kauften meine Eltern ein Haus in Radevormwald - mit Umzug für mich im Juni 1972. Als Schüler, der weiterhin jeden Tag nach Oberbarmen zum Gymnasium fuhr und die Unglücksstelle mit dem Schienenbus oder Zug passierte, war das Zugunglück nur Thema, wenn man außerhalb Radevormwalds darauf angesprochen wurde.

Für mich als Zugezogener herrschte Schweigen, keiner sprach davon. Als ich im Laufe der Zeit als Jugendlicher Radevormwalder kennenlernte, wurde über das Unglück, wenn überhaupt, immer nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen.

Ich habe schnell verstanden und natürlich auch akzeptiert, dass das Zugunglück bei den Überlebenden und betroffenen Familien sehr privat ist und nach außen hin ein Tabu. Das Unglück wird bis heute nicht angesprochen, obwohl man sich zum Teil inzwischen seit Jahrzehnten kennt und regelmäßig in der Stadt trifft.

Quelle: RP
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