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Radevormwald
Kafkas skurriler Prozess auf der Bühne

Radevormwald. Die Inszenierung des Rheinischen Landestheaters Neuss hinterließ bei vielen Zuschauern ratlose Gesichter. Dabei wurde das Hauptthema eindrucksvoll präsentiert. Die Dramaturgie ist undurchsichtig und wirr - wie die Buchvorlage. Von Flora Treiber

Absurditäten von morgens bis abends. Dieser Strafe ist Josef K. seit dem Morgen seines 30. Geburtstages ausgesetzt. Gegen ihn wird ein Prozess geführt. Warum? Das weiß er nicht. Er scheint in einer Art Tagtraum festzustecken, in dem er seinem normalen Leben zwar weiter nachgehen kann, aber ständig von eigenartigen Gestalten verhört oder zur Rechenschaft gezogen wird. Der Protagonist aus Kafkas "Der Prozess" erfährt an keiner Stelle, was er sich hat zu Schulden kommen lassen.

Die unergründlichen Geschehnisse, die immer häufiger in seine Alltagswelt eindringen, beherrschen schnell sein Denken und Handeln, fressen ihn auf und lassen ihn an sich selber und seiner Wahrnehmung zweifeln. Die Inszenierung des Rheinischen Landestheaters Neuss greift die skurrilen Momente aus Kafkas Roman heraus und stellt sie in den Mittelpunkt der Handlung. Für Mittwoch hatte der Rader Kulturkreis das Stück ins Bürgerhaus geholt. Es hinterließ bei vielen Zuschauern ratlose Gesichter. Das Ziel des Theaterstücks, nicht nur Absurdität und Ratlosigkeit abzubilden, sondern auch zu stiften, war erfüllt. "Der Prozess" ist für viele Schüler in ihrer Abiturprüfung relevant und zog deswegen Gymnasiasten aus Rade und Halver an.

Der Schauspieler Philipp Alfons Heitmann verkörperte die Verzweiflung von Josef K. authentisch und nachvollziehbar. Was macht man, wenn man sich für etwas rechtfertigen muss, das einem unbekannt ist? Seine Mitmenschen wollen ihn mal verführen, mal bestrafen, ihm helfen oder ihn noch tiefer in die Verzweiflung bringen. Die Schauspieler Hergard Engert, Johanna Freyja Iacono-Sembritzki, Josia Krug und Andreas Spaniol schlüpfen während des Schauspiels immer wieder in andere Rollen und stimmen regelmäßig in hysterisches Lachen ein. Mal laut, mal leise amüsieren sie sich über die Verzweiflung von Josef K.. Manchmal menschlich, manchmal gespenstisch wandern sie über die Bühne und geben dem Tagträumer Anweisungen oder Ratschläge.

Die Inszenierung von Caro Thun und die Dramaturgie von Alexandra Engelmann ist undurchsichtig und wirr. Genauso, wie das Originalwerk von Franz Kafka. Die Interpretationsansätze reichen über politische oder historische Erklärungen, bis hin zu psychoanalytischen und biografischen Ansätzen. "Der Prozess" ist zu komplex, um nur eine Erklärung für die Handlungen zu finden oder sie in ihrer Ganzheit zu verstehen. Die Form des Rheinischen Landestheaters Neuss hat das Hauptthema aber eindrucksvoll präsentiert: Das Innenleben eines Menschen kann seine Wahrnehmung beeinflussen, zu Wahnvorstellungen oder Tagträumen führen.

Für die Abiturienten wird "Der Prozess" keine leichte Lektüre sein und die Prüfungen sicherlich viele interessante und voneinander abweichende Interpretationen hervorbringen. Das ist das Schöne an dem Roman von Kafka, für ihn gibt es nicht die eine richtige Erklärung.

Die Bühnen- und Kostümbildnerin Daina Kasperowitsch hat einen Kleiderschrank zum zentralen Objekt des Geschehens auf der Bühne gemacht. Er dient mal als Raumtrenner, Rednerpult, Rückzugsort und eine andere Welt.

Mit diesem und anderen einfachen Mitteln, wie einer Wäscheleine voller Kostüme, hat Kasperowitsch der komplexen Handlung den nötigen Raum gelassen.

Quelle: RP
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