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Ansgar Nowak, Diplom-Psychologe
"Manche sind in verrohtem Zustand"

Radevormwald. Die Übergriffe von Köln in der Silvesternacht sind auch inRadevormwald Gesprächsthema. Kann so etwas auch im ländlichen Raum passieren? Die BM sprach darüber mit Ansgar Nowak, dem Leiter der Psychologischen Beratungsstelle in Wipperfürth. Von Stephan Büllesbach

Herr Nowak, sind solche Vorkommnisse, wie in der Silvesternacht in Köln, auch in Kleinstädten wie Hückeswagen möglich?

Nowak Darauf gibt's keine klare Antwort oder Entwarnung. Ich glaube, dass wir uns bisher zu wenig Gedanken gemacht haben dazu, aus welchen familiären oder persönlichen Situationen Jugendliche und junge Männer hierher kommen. Viele sind geschockt von der Flucht. Wir haben hier in der Beratungsstelle schon mit vielen Flüchtlingen zu tun - sie sind unglaublich dankbar, dass sie hier sein können. Wir haben noch keine Erfahrung gemacht, dass sie übergriffig oder grenzverletzend sind.

Was für einen familiären Hintergrund haben diese jungen Männer?

Nowak Viele dieser Männer kommen aus traditionell gewalttätigen patriarchalischen Systemen, wo der Mann einfach eine ganz andere Rolle hat als die Frau.

Woher kommen sie?

Nowak Man muss das differenzieren: Bei den Syrern erleben wir viele gebildete Leute. Wir haben aber auch - vielleicht haben wir uns da was vorgemacht - doch auch sehr viele Flüchtlinge aus einfachen und ungebildeten Schichten. In diesen spielt der Vater die Hauptrolle, und Frauen sind untergeordnet, werden versteckt, im Haus gehalten und gehören nicht in die Öffentlichkeit. Wenn diese jungen Leute dann erleben, dass sich unsere Mädchen oder jungen Frauen in der Öffentlichkeit zeigen - und auch so zeigen, wie sie das möchten -, dann ist das für sie erstmal ein Riesenbruch. Da müssen sie noch einiges lernen.

Welche Rolle spielt die Gewalt?

Nowak Die Schwelle, Gewalt anzuwenden, ist in diesen Familien sehr viel niedriger oder gehört zum Alltag dazu. Auch das ist etwas, über das die jungen Leute hier noch sehr viel lernen müssen. Bei manchen jungen Männern muss man auch von einem verrohten Zustand reden. Sie haben in der Familie oder aber auch im Bürgerkrieg gelernt: Gewalt setzt sich durch, und die Männer haben die Macht.

Ist das eine Entschuldigung für ihr Verhalten an Silvester?

Nowak Auf keinen Fall ist das eine Entschuldigung für das, was in Köln und anderen Städten passiert ist. Aber es ist eine Erklärung. Es ist wichtig, dass wir genau hinschauen, welche unglaubliche Integrationsaufgabe vor uns liegt. Diese jungen Männer haben hier eine Riesenchance, etwas zu lernen.

Was sollten Frauen tun, wenn sie angegrapscht werden?

Nowak Der Hauptpunkt sind immer erst einmal die Täter. Sie müssen Anstand lernen und was in unserer Kultur lernen, was ein absolutes No-Go ist und wo die Grenzen sind. Für Frauen ist es wichtig, zu schauen, dass sie nicht alleine unterwegs sind. Wobei man in Köln gesehen hat, dass das nicht geholfen hat. Gegen so eine massive männliche Übermacht von alkoholisierten und unzivilisierten jungen Männern hilft dann einfach nur noch die Staatsgewalt. Es ist auch wichtig, die Situation nicht den Frauen anzulasten im Sinne von, sie hätten sich mehr wehren müssen. Wir haben dieses Recht, uns frei zu zeigen. Und das gilt auch für unsere jungen Mädchen und Frauen.

Sind junge Flüchtlinge bei Ihnen in der Herbstmühle in Behandlung?

Nowak Ja, wir haben Kontakt mit minderjährigen männlichen Flüchtlingen. Sie bringen massive Traumatisierungen mit. Diese kommen zum Teil schon aus ihren familiären Situationen in ihrem Heimatland, verstärkt durch die Erfahrungen im Krieg und durch die Flucht. Viele der jungen Männer sind so traumatisiert, dass sie massive Auffälligkeiten haben.

Welche zum Beispiel?

Nowak Schlafstörungen - die können keine Nacht schlafen. Sie können keine Ruhe halten, weil die Bilder sie ununterbrochen einholen. Sie sind oft übernervös, angespannt und erregt und brauchen dringend Unterstützung, um innerlich psychisch zur Ruhe zu kommen.

Das Hückeswagener Jugend- und Sozialwerk Gotteshütte hat in Wipperfürth, weit weg vom Stadtzentrum, ein Haus angemietet, wo es sieben junge Flüchtlinge betreut. Ist das ein Weg, um sie vor den Verführungen der Großstädte zu bewahren?

Nowak Wir sind unglaublich froh, dass die Gotteshütte hier so etwas geschaffen hat. Ich glaube, es ist gut, wenn diese Einrichtungen nicht zu riesig sind. Je mehr diese Jugendlichen nur unter sich bleiben, umso weniger Chancen haben sie, zu lernen. In diesem kleinen Rahmen gibt es mehr Möglichkeiten, Integration und Anpassung zu lernen. Auch die kriminellen Jugendlichen sind ja nicht als Täter geboren. Sie müssen die Chance bekommen, ganz viel für sich zu lernen und tolle junge Männer zu werden. Diese Chance sehe ich.

Was kann, was muss die deutsche Gesellschaft tun?

Nowak Wir brauchen viel Zivilcourage von allen Bürgern, da genau hinzuschauen und sich frühzeitig einzumischen. Stellung zu beziehen und nicht wegzuschauen und nicht alles nur Fachdiensten oder der Polizei zu überlassen. Wichtig ist es dranzubleiben, aber auch zu fordern. Integration ist eine schwere Aufgabe nicht nur für uns Deutsche, sondern auch für diese jungen Leute. Die müssen wirklich was tun. Die Bereitschaft zumindest bei den Jugendlichen, die wir betreuen, viel zu lernen, ist groß.

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Quelle: RP
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