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Radevormwald
Perspektiven für junge Flüchtlinge finden

Radevormwald: Perspektiven für junge Flüchtlinge finden
Der Blick nach vorne in eine ungewisse Zukunft: Zahlreiche nicht begleitete Jugendliche sind nach Deutschland geflüchtet. Ihre Vormundschaft übernehmen die Kommunen. Auch Radevormwald kümmert sich um die jungen Leute. FOTO: dpa
Radevormwald. Wenn es um die Betreuung und Begleitung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge geht, bekommt die Stadt Rade ab September Unterstützung: Die Kommune bleibt Vormund der Flüchtlinge, die Arbeit übernimmt das DRK Oberberg. Von Joachim Rüttgen

Die Situation bei der Flüchtlingszuweisung hat sich derzeit zwar etwas entschärft, "aber das kann sich alles ganz schnell wieder ändern", sagt der Leiter des Jugendamtes, Volker Grossmann. Bei der Flut an Flüchtlingen müssen sich die Kommunen auch immer häufiger um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kümmern. Zurzeit betreut die Stadt Radevormwald neun Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren aus Afghanistan, Syrien und Somalia. Laut Quote des Landes müsste die Bergstadt aber bis zu 18 junge Flüchtlinge aufnehmen.

"Wir müssen ständig bereit sein, neue junge Flüchtlinge aufzunehmen, und ich rechne auch wieder mit einem Anstieg der Zahlen in den kommenden Monaten", sagt Grossmann. Viel Vorlauf gibt es meist nicht. Höchstens zwei bis drei Tage. Seit drei Monaten gibt es eine neue Software des Bundes, in der Grossmann täglich den aktuellen Stand eingeben muss. Da geht es darum, in welchen Maßnahmen sich die jungen Flüchtlinge befinden und nach welchen Paragrafen sie wo untergebracht sind. Denn die minderjährigen Flüchtlinge stehen alle bei der Stadt unter Vormundschaft. Grossmann: "Einer muss ja entscheiden".

Aber nur für Getränke und Essen zu sorgen, das reicht nicht. Neulich musste ein Jugendlicher an der Nase operiert werden. "Dann wird es sehr zeitaufwendig", sagt Grossmann. Begleitung zum Krankenhaus, vorbereitende Untersuchungen, der ganze Papierkram. Aber die Stadt hat noch Glück: Die jungen Menschen zeigen sich alle sehr kooperativ, sind wissbegierig und suchen ihre Chance, in Deutschland Fuß zu fassen. "Wir wollen fordern und fördern", sagt Grossmann.

Ein Jugendlicher will Maschinenbau studieren. Problem: Sein Zeugnis hat er nur auf dem Handy fotografiert, was derzeit nicht beglaubigt werden kann, was aber wichtig für die Zulassung zur Oberstufe wäre. "Der junge Mann, 16 Jahre, aus Afghanistan, ist ein halbes Jahr in Rade, spricht fließend Deutsch, hat aber keine Chance, an das Originalzeugnis zu kommen", sagt Grossmann. Das seien Herausforderungen an den Vormund, die Stadt. Seit einem Jahr gibt es ein neues System für die Zuteilung der Flüchtlinge. Früher war das Jugendamt zuständig, in dessen Zuständigkeitsbereich der Jugendliche aufgegriffen wurde. So hätte Rade wohl nie einen minderjährigen Flüchtling bekommen. Eine fairere Lösung sollte her. "Jetzt wird tagesaktuell per Quote durch das Bundesverwaltungsamt zugewiesen", sagt Sönke Eichner, Leiter des Schulamtes.

Problem für die Jugendhilfe der Verwaltung: Stationäre Plätze reichen nicht aus, "wir müssen die Jugendlichen wie einen Jugendhilfefall betreuen, nur kann kein Jugendamt Plätze zur Verfügung stellen, weil es die nicht gibt", sagt Eichner. Deshalb suchte sich die Stadt einen Träger und wurde fündig: Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) Oberberg wird ab September die Kooperation mit Leben füllen, die Vormundschaft bleibt bei der Stadt. Eichner: "Wir bleiben die verantwortliche Institution, die Arbeit übernimmt aber das DRK."

Er und Grossmann berichten von guten Gesprächen mit dem DRK. Großer Vorteil: Die Stadt stellt die Räume zur Verfügung und hat für die minderjährigen Flüchtlinge ein Haus angemietet. Dort werden sie vom DRK betreut. "Wir wissen, was wir an unseren Jugendlichen haben", sagt Grossmann. Die geben viel zurück, seien inzwischen eine stabile Gruppe und würden sich oft genug auch selbst erziehen. "Die sind pädagogisch gut angebunden und offenbaren sich auch ihren Betreuern", sagt Grossmann. Denn die Schicksale seien zum Teil heftig, schwere Traumata dabei keine Seltenheit. "Die jungen Menschen stammen aus Krisengebieten und haben wirklich schon alles erlebt", sagt er.

Problematisch sei die Verständigung, denn es gebe immer wieder verschiedene Dialekte in den Landessprachen. Sönke Eichner hofft jetzt, dass nicht alle minderjährigen Flüchtlinge, die an den EU-Grenzen stehen, auch nach Deutschland kommen. Denn vor Ort sei irgendwann mehr nicht mehr möglich.

Quelle: RP
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