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Stephan Kolodziej
So klappt es mit dem richtigen Baumschnitt

Stephan Kolodziej: So klappt es mit dem richtigen Baumschnitt
Baumwart Stephan Kolodziej hat auf seiner Streuobstwiese in Maisdörpe 50 alte Obstbaumsorten stehen. Er selbst sieht sich noch lange nicht am Ende seines Fachwissens und besucht weiter Kurse und Fortbildungen. FOTO: wolfgang weitzdörfer
Radevormwald. Baumwart Stephan Kolodziej über die große Bedeutung alter Obstbäume, Baum-Patenschaften und seinen Umgang mit Baumkrankheiten.

BERGISCHES LAND Stephan Kolodziej hat auf seiner Streuobstwiese in Maisdörpe 50 alte Obstbaumsorten stehen. Im BM-Interview erzählt er, wann der richtige Zeitpunkt für den Baumschnitt ist, was man beachten muss - und was die Besonderheit der alten Sorten ist.

Herr Kolodziej, wann haben Sie Ihren ersten Obstbaum beschnitten?

Kolodziej Als wir nach Maisdörpe gezogen sind, haben wir auch ein Gartengrundstück übernommen, auf dem alte Obstbäume standen. Die waren allerdings frei gewachsen, und ich hatte damals noch keinen Pflegebezug zu den Bäumen. Ausschlaggebend war das Jahr 2004, als im Rahmen des Golfplatzbaus in Dreibäumen eine Ausgleichsmaßnahme geleistet werden musste. Dies ist in Form unserer Streuobstwiese geschehen, begleitet wurde das von der Biologischen Station Oberberg. Der erste Schnitt wurde dann von der Station übernommen, da habe ich das dann gelernt. Ich wollte ja immer schon Obstbäume haben - und so ist es dann dazu gekommen.

Warum muss man Obstbäume überhaupt beschneiden?

Kolodziej Unsere Apfelbäume sind ja allesamt Kulturgüter. Das sind keine Wildpflanzen, sondern durch Veredelung von Menschenhand geschaffen. Wenn wir den Baum nun einfach so wachsen lassen würden, dann ergäbe es über kurz oder lang ein ungünstiges Wuchsbild, denn der Baum folgt seinem biologischen Instinkt, zum Licht zu wachsen. Zielsetzung des Beschnittes ist es, dem Baum eine gute statische Situation zu geben, damit er möglichst alt werden kann. Dazu muss man dafür sorgen, dass in alle Bereiche der Krone genügend Licht und Luft kommen kann. Dadurch bleibt der Baum gesund und gibt auch gute Ernte.

Gilt das für alle Obstbaumsorten?

Kolodziej Das gilt für alle Sorten.

Wann ist die ideale Zeit für den Beschnitt?

Kolodziej Jungbäume kann man in den ersten zwölf Jahren noch "erziehen". Diese Erziehungsschnitte mache ich immer in der vegetationsarmen Zeit, also nach dem ersten Laubfall im Herbst bis hinein in den März oder April. Ich bevorzuge die Zeit im Februar oder März, da dann meist die knackig kalten Tage vorüber sind. Man darf aber nicht mehr schneiden, wenn der Baum zum ersten Mal austreibt. Für ältere Bäume ist der Sommerschnitt hingegen ein probates Mittel.

Was ist beim Baumschnitt zu beachten?

Kolodziej Man sollte auf jeden Fall die genannten Zeiten einhalten. Denn wenn man nach dem Austreiben schneidet, stört man die hormonellen Strukturen. Und das, was man mit dem Schnitt erreichen will, verkehrt sich ins Gegenteil. Der Baum reagiert dann nicht mehr darauf, worauf ich eigentlich hinauswill.

Was darf man auf keinen Fall machen?

Kolodziej Es gibt eine Menge Fehler, die man machen kann. Gar nicht zu schneiden wäre zum Beispiel genauso verkehrt wie ein zu radikaler Beschnitt. Der Baum braucht im Frühjahr ja seine Blattmasse, um Stoffwechsel betreiben zu können. Man kann einen Baum also auch kaputtschneiden. Und natürlich sollte man die Zeit für den Beschnitt einhalten.

Gibt es diesbezüglich einen Unterschied zwischen "alten" Obstbaumsorten und denen auf Plantagen?

Kolodziej Ein Plantagenobstbauer will frühestmöglich Ertrag haben. Für ihn steht nicht im Vordergrund, einen besonders hohen und großen Baum zu haben. Denn der Baum muss für ihn natürlich auch einfach zu beernten sein. Für diese Bäume wird eine schwachwüchsige Unterlage gewählt, die gar nicht groß in die Höhe wachsen will. Als Unterlage bezeichnen wir das Wurzelwerk. Auch der ökologische Aspekt steht beim Plantagenobstbauern nicht im Vordergrund. Der Baum wird also ganz anders beschnitten und erzogen, als ein Hochstamm - was ja die alten Sorten in der Regel sind.

Sie bieten Kurse an - wie ist da die Resonanz?

Kolodziej Ich gehe ja selber auch noch auf Kurse, da ich mich noch lange nicht am Ende meines Fachwissens sehe. Ich bin auch im Pomologen-Verein, in dem ein fachlicher Austausch stattfindet. Die Lehrmeinungen gehen etwas auseinander, was die richtige Schnitttechnik betrifft, es gibt dabei aber keine absolute richtige Meinung. Bei meinen Kursen waren die Teilnehmer fast durchweg Privatleute. Menschen, die selber Obstbäume haben und die sich im Kursus ihr Fachwissen aneignen wollen. Noch fehlt mir ein wenig die Rückmeldung, ob die Teilnehmer mit dem vermittelten Wissen dann etwas anfangen konnten.

Kann man auf Ihrer Streuobstwiese "Baum-Patenschaften" übernehmen?

Kolodziej Wir Streuobstwiesen-Freunde versuchen ja, das Rare wieder zurück in den Alltag zu bringen. Das kann man natürlich auf verschieden Arten machen. So eine Patenschaft ist da sicherlich ein probates Mittel. Man gibt einem Kunden eine Baum-Patenschaft, kümmert sich um den Baum, sorgt dafür, dass er gut wächst. Und der Kunde bezahlt dann dafür - und kann die Ernte behalten. Im Moment ist das aber keine Option für mich. Die Bäume, die bei mir stehen, sind noch nie richtig im Ertrag gekommen. Und dem strebe ich jetzt entgegen - und ich freue mich, dann jetzt, die erste Ernte einzufahren. Wobei das ein spannender Moment wird, denn so ein durchschnittlicher Baum kann durchaus mehrere Zentner Ertrag bringen. Wenn ich das dann mal 50 nehme... Dann werde ich sicherlich überlegen müssen, wie ich diese Massen an Obst unter die Leute bekommen kann. Auf jeden Fall werden wir die mobile Mosterei anfordern und dann den Saft auch den Bürgern anbieten.

Welche Bedeutung haben die alten Sorten?

Kolodziej Die alten Sorten sind zum einen kulturhistorisch besonders wertvoll, denn unsere Vorväter haben die ja hier nicht ohne Grund gezogen. Regional wurde für die jeweiligen Standorte eine Auslese der Bäume betrieben, die besonders gut wachsen. Über Jahrzehnte und Jahrhunderte haben sich dann viele Sorten etabliert, die teils ganz wunderbare Eigenschaften haben. Etwa natürliche Resistenzen gegen Baumkrankheiten. Diese Sorten möchten wir gerne erhalten. Zudem ist in diesem Genpool eine riesige Sortenvielfalt - gerade im Vergleich zu dem Angebot im Supermarkt. Vor 100 Jahren etwa wurden in der Literatur noch an die 1000 Sorten beschrieben. Nicht zu vergessen ist die Tatsache, dass alte Apfelsorten für Menschen mit Apfelallergie oft gut verträglich sind.

Welche Krankheiten können Obstbäume denn bekommen?

Kolodziej Es gibt viele Krankheiten, Pilze, Viren - und natürlich Schädlinge. Der Apfelwickler etwa, Mehltau, Obstbaumkrebs. Ich behandele diese Krankheiten auf meiner Streuobstwiese nicht aktiv mit Chemikalien, das ist ein absolutes Tabuthema. Im Gegenteil versuche ich, durch möglichst wenig anfällige Sorten dagegenzuwirken. Etwa indem ich feuchtigkeitstolerante Bäume anpflanze, die eben nicht so schnell Mehltau bekommen. Und wenn ein Apfel nun einmal Schorf-Flecken entwickelt, dann nehme ich das so hin. Geschmacklich ist das keine Einschränkung - es sieht einfach nur nicht mehr so schön aus.

Wie kann man die Bäume davor schützen?

Kolodziej Etwa durch den eingangs beschriebenen vernünftigen Schnitt. Denn wenn der Baum in der Krone gut durchlüftet ist, ist er schlicht nicht so anfällig für Mehltau. Wenn man an einem Baum etwa den Obstbaumkrebs erkennt, dann kann man die Stelle herausschneiden. Wenn das nicht zu groß ist, kann das auch abheilen.

Was ist Ihr Lieblingsobst?

Kolodziej Natürlich mag ich den Apfel in all seinen Facetten. Aber ich mag auch die Himbeere, die Erdbeere, die Banane. Interessant ist für mich, die unterschiedlichen Sorten parallel zu verkosten, um die Unterschiede feststellen zu können. Das möchte ich auch nach draußen geben, damit ein Bewusstsein dafür geweckt wird, dass wir echte Schätze direkt vor der Haustüre haben.

DAS INTERVIEW FÜHRTE WOLFGANG WEITZDÖRFER.

Quelle: RP
 
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