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Radevormwald
Suchtklinik sucht mehr die Öffentlichkeit

Radevormwald: Suchtklinik sucht mehr die Öffentlichkeit
Der neue Klinikleiter Dr. Bernd Wessel (l.) mit Mitarbeiter Andre Böhlig. Nach dem ersten Kennenlernen des Hauses soll die Arbeit demnächst mehr publik gemacht werden in der Stadt. FOTO: Nico Hertgen
Radevormwald. Der neue Klinikleiter Dr. Bernd Wessel lobt das ländliche Umfeld seines Hauses, sieht aber finanzielle Probleme auf kleinere Häuser zukommen. Er möchte sein Haus stärker in der Stadt präsentieren und auch die Politik ansprechen. Von Cristina Segovia-Buendía

Seit etwa zehn Wochen ist Dr. Bernd Wessel als neuer Leiter der Radevormwalder Suchtklinik im Dienst. In die "familiären Strukturen" hat sich der Facharzt für Psychiatrie mittlerweile gut eingelebt. Finanziell hätten es solche kleinen Häuser schwieriger, erklärt der 56-Jährige, der die Klinik daher künftig stärker in der Kommune verankern möchte: "Kleinere Kliniken müssen unbedingt zum Wohle der Patienten erhalten bleiben, bedürfen durch ihre geringe Größe allerdings mehr Schutz durch die öffentliche Hand."

Die Erfolgsgeschichte des nun 52-jährigen Curt-von-Knobelsdorff-Hauses an der Hermannstraße wurde am Wochenende beim Jahresfest der Einrichtung deutlich: Der Platz hatte sich schnell mit hunderten Besuchern gefüllt, darunter überwiegend ehemalige Patienten, die nach ihrer Suchttherapie wieder mitten im Leben stehen und dennoch den Kontakt zur Einrichtung pflegen. Ein Grund für den Erfolg sieht der neue Leiter ausgerechnet in der Größe der Einrichtung. Für knapp 60 Patienten haben sie hier Platz. "Als einziger Facharzt im Haus ist mein Arbeitsalltag daher ziemlich eng getaktet", sagt er. In seiner ehemaligen Wirkungsstätte in Essen leitete Wessel eine Klinik mit 120 Betten und wesentlich mehr Personal. "Doch für Suchtpatienten, die für eine Therapie oft aus ihrem Umfeld entwurzelt werden, ist eine solch familiäre Atmosphäre wie wir sie hier in ländlichen Gegenden vorfinden, wesentlich besser", sagt Wessel. "In größeren Kliniken geht das Individuum eher verloren als in kleineren Einrichtungen." Der neue Klinikleiter betont jedoch, dass beide Formate ihre Daseinsberechtigung hätten. Allerdings dürften Anlaufstellen in ländlicheren Gebieten nicht aussterben.

Die Initiative zu ergreifen und sich in solchen Einrichtungen zu melden, sei für Suchtkranke ohnehin schwieriger und nur möglich, wenn eine Anlaufstelle in der Nähe ist. "Gerade einmal zwei Prozent der Suchterkrankten finden tatsächlich auf Anhieb den Weg in eine Klinik", berichtet der Facharzt. Daher sei es wichtig für die Rader Klinik, sich in der Bevölkerung bekannter zu machen. Ein Konzept hat sich Wessel zwar noch nicht erarbeitet, der 56-Jährige könnte sich allerdings durchaus vorstellen, Informationsveranstaltungen zum Thema Suchtprävention für das allgemein öffentliche Interesse zu organisieren. "Ich denke, das wäre eine sinnvolle Maßnahme und käme allen zugute."

Außerdem möchte er stärker der Kontakt zum Stadtrat und der gesamten Kommune suchen. "Wir sind zwar mit 40 Arbeitsplätzen nicht der größte Arbeitgeber der Stadt, sollten als Einrichtung aber dennoch in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden."

Die finanziell angespannte Lage sei einer akuten Unterfinanzierung durch das Land geschuldet. "In NRW haben wir in der Suchtarbeit und -Reha die niedrigsten Bundessätze", erklärt Wessel. Sechs Kliniken hätten bereits schließen müssen. "Das macht etwa zehn Prozent der Kliniken von NRW. Daraus ergeben sich automatisch Versorgungsengpässe. Es kann nur noch mit Hilfe der Politik gegengesteuert werden kann."

Das Curt-von Knobelsdorff-Haus habe eine durchschnittliche Belegungsquote von rund 95 Prozent. "Wir sind eigentlich immer gut belegt." Nur so schaffe es das Haus, gerade einmal kostendeckend zu arbeiten. "Viel Spielraum bleibt da allerdings nicht."

Quelle: RP
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