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Radevormwald
Theater, das nachdenklich macht

Radevormwald: Theater, das nachdenklich macht
Ein beeindruckendes Stück von Thomas Mann präsentierte das Landestheater Neuss am Mittwoch in Radevormwald. FOTO: RLT/Björn Hickmann
Radevormwald. Das Rheinische Landestheater Neuss (RLT) präsentierte auf der Bühne des Bürgerhauses zum Auftakt der Spielzeit am Mittwochabend für den Kulturkreis Radevormwald Thomas Manns biblisches Epos "Joseph und seine Brüder". Von Wolfgang Weitzdörfer

Thomas Mann ist ein grandioser Erzähler, der seine Themen gerne in epischer Breite auswalzt - so auch in seinem vierbändigen Werk "Joseph und seine Brüder", in dem er auf 2000 Seiten den biblischen Mythos von Joseph, Jaakobs Lieblingssohn, der durch sein arrogantes, selbstgefälliges Auftreten den Zorn seiner Brüder auf sich zieht, nacherzählt. Das Rheinische Landestheater Neuss hatte sich dem Werk in der Theaterbearbeitung des Dramaturgen John von Düffel genähert und war damit am Mittwochabend zum Auftakt der 67. Spielzeit des Kulturkreises Radevormwald im Bürgerhaus zu Gast.

RLT-Intendantin Bettina Jahnke hatte sich vor Beginn der Aufführung 20 Minuten Zeit genommen, um im Foyer rund 100 Gästen das Stück ein wenig näherzubringen. "Warum hat Thomas Mann diese 2000 Seiten gebraucht? Weil das Werk eine echte Nachhilfestunde in Sachen biblischer Geschichte ist. Und weil der Joseph-Mythos die großen Fragen nach Verzeihung und Gerechtigkeit behandelt", erklärte sie. Man habe die auf 160 Seiten - bei immerhin noch sechs Stunden Spielzeit - gekürzte Version von John von Düffel nochmals um 100 Seiten reduziert. "Was geblieben ist, ist die Sprache Thomas Manns mit all ihren Schachtel-, Spiral- und Endlossätzen. Das war auch eine Herausforderung für die Schauspieler", erklärte Jahnke, die für ihre Ausführungen großen Applaus bekam. Maria Stammerjohann etwa war begeistert: "Jahnke hat das hervorragend gemacht, ich habe sie schon oft bei Einführungen gesehen. Sie sind immer sehr hilfreich zum Verständnis der Stücke."

Wenig später ging es los auf und neben der Bühne. Neben der Bühne deswegen, weil die Schauspieler vom Percussionisten Henning Brand unterstützt wurden. Brand schuf mit Marimbaphon, Xylofon, Trommel und zahlreichen Soundeffekten aus dem Computer eine Klangkathedrale, bedrückend und betörend zugleich, die den idealen Boden für das Geschehen auf der Bühne bot. Dieses Geschehen lässt sich am besten mit einem Wort beschreiben: leidenschaftlich. Alle Zutaten für das ultimative Drama waren schließlich vorhanden: der vermeintlich bevorzugte Sohn Joseph (leidensstark und gockelhaft: Stefan Schleue), der dominante Vater Jaakob (Joachim Berger), der seine Liebe unterschiedlich ausschüttet, die Brüder (Michael Meichßner, Richard Lingscheidt, Anna Lisa Grebe und Juliane Pempelfort), die sich benachteiligt fühlen und sich an Joseph rächen und ihn erst in eine Grube werfen, ehe sie ihn an wandernde Händler weitergeben, die ihn als Sklaven an den ägyptischen Pharao (machtvoll und diabolisch: Pablo Guaneme Pinilla) verkaufen.

Die Bühne war dabei minimalistisch gestaltet, lenkte somit aber auch nicht vom Geschehen ab. Die Brüder waren frustrierte und enttäuschte Halbstarke, die die Grenze endgültig überschritten, als sie Joseph verprügeln und in die Grube werfen, in der er über kurz oder lang sterben würde. Dass sie ihn den Händlern übergeben haben, war im Grunde auch nur ein Sterbenlassen auf Raten, machte die Sache also auch nicht besser.

"Joseph und seine Brüder" ist ein machtvolles Werk über Verzeihen und den persönlichen Reifeprozess eines Mannes. Das Rheinische Landestheater Neuss hat die Vorlage auf großartige Art und Weise übernommen und den gut 200 Besuchern einen unterhaltsamen aber auch nachdenklich machenden Abend beschert. So muss Theater funktionieren.

Quelle: RP
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