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Radevormwald
Vor 70 Jahren kamen die Amerikaner

Radevormwald. Der heute 87-jährige Rader Friedhelm Brack erinnert sich an den Tag, als die Amerikaner von Halver aus kommend in Radevormwald einmarschierten. Der Krieg in der Bergstadt war damit beendet. Später kamen die Engländer. Von Wolfgang Scholl

Friedhelm Brack ist vielen Radevormwaldern als Realschullehrer bekannt. Der heute 87-Jährige hat sich in der Zeit um 1995 - 50 Jahre nach dem Einmarsch der Amerikaner in Radevormwald und dem Ende des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai - mit diesem Thema befasst und seine Erinnerungen aufgeschrieben.

Dazu gehört auch die Zeit unmittelbar vor und nach dem Einmarsch. Heute vor genau 70 Jahren sind die Amerikaner von Osten her einmarschiert. Zuerst hat Brack, damals 18 Jahre alt, über den Tag zuvor geschrieben. Besonders in Erinnerung geblieben sind ihm die Jagdbomber, die von Halver kommend, die über die B 229 zurückflutenden Soldaten der Wehrmacht beschossen. Zahlreiche Fahrzeuge gingen in Flammen auf. Beobachtet hat er die Situation von seinem Arbeitsplatz bei Bisterfeld & Stolting an der Bahnstraße, "wo ich als Volontär" im Kriegseinsatz arbeitete". Beobachten konnte er die Gleise und die heutige Kaiserstraße (nahe der Post), über die die "ockerfarbigen Lastwagen mit Holzgasgeneratoren, dazwischen auch viele Pferdefuhrwerke und Gruppen von Landsern, zu Fuß kamen". Dazu kam das Dröhnen der Kampfflugzeuge von Rädereichen her.

"Die Stimmung im Büro war gedrückt, fast fatalistisch", schreibt Brack, "jeder wußte, daß es nur noch kurze Zeit dauern würde, bis der ,Ami' da war. Niemand sprach über seine Ängste, jeder hing seinen Gedanken nach". Aufgabe war es, stapelweise Originale und Kopien mit kriegswichtigen Zeichnungen und Beschreibungen dem Feuer zu übergeben.

Gegen 10 Uhr am 12. April kamen Jagdbomber und flogen ein "Tieffliegerkarussell" über der Kaiserstraße. Dort, wo Friedhelm Brack wohnte. Später stellte sich heraus, dass ein mit Treibstoff beladener Lkw in Höhe der Lindenbaumschule in Brand geschossen worden war. Brack wohnte nur wenige Meter entfernt. Das Haus, in dem er wohnte, wurde ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen. Die Mutter musste einen Brandschaden löschen.

Friedhelm Brack berichtete von einem weiteren Augenzeugen, seinem Verwandten Dr. Roland Bast aus Hagen. Der schieb 1995: "Ich entsinne mich noch sehr gut, wie meine Eltern mir von dem ersten Artilleriebeschuß an der Kreuzung Wiedenhofkamp/Bahnstraße berichteten." Der junge Günther Stoffel starb in den Armen des Vaters von Roland Bast. Auch eine ehemalige Klassenkameradin von Friedhelm Brack, Ilse Freudenberg, habe zu den drei Toten gehört.

Nach der Arbeit fuhr Brack mit seinem Vater unter großen Gefahren durch Jagdbomber auf dem Rad nach Hause. Es war der 49. Geburtstag seiner Mutter. Im Haus war in der Waschküche ein Matratzenlager eingerichtet. Auch Soldaten suchten im Dröhnen des Artilleriefeuers Unterschlupf. Nachdem die Familie zuerst im Keller gehockt hatte, wurde sie auf dem Weg nach oben vom Druck einer Granate wieder die Treppe runtergedrückt und verbrachte die Nacht im Keller.

"Beim frühen Morgengrauen verabschiedeten sich die Soldaten, in eine ungewisse Zukunft - vielleicht Gefangenschaft, Verwundung oder gar Tod. Die Männer wirkten frustriert und erschöpft, regelrecht abgekämpft ... Sie wollten nicht mehr. Der Krieg war sinnlos geworden, und das nicht erst in diesem Augenblick", erinnert sich Brack.

Quelle: RP
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