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Serie: Kurz-Urlaub
Wie die Großväter arbeiteten
Kurzurlaub im Freichlichtmuseum Hagen
Hagen. Das westfälische Freilichtmuseum Hagen präsentiert als Erlebnis-Museum ein Ensemble von Handwerks- und Gewerbebetrieben aus zwei Jahrhunderten. Geboten wird ein Blick in mehr als 50 alte Häuser und deren Gewerke. Von Wolfgang Scholl

Rauch steigt aus dem Schornstein, innen wird mit dem Hammer geschlagen, ein Blasebalg faucht und hält das Feuer im Kamin am Leben. Stefan Austermann ist in seinem Element. „Ich zeige, wie ein Nagel geschmiedet wird“, sagt er. Gebannt schauen 15 Augenpaare darauf, wie der Kunsthandwerker, der früher studiert und als PC-Experte gearbeitet hat, ein Kupferstück im Feuer glüht und an einem altertümlichen Maschinenhammer zu einem langen Stab formt.

Handwerkshäuser und -werkstätten und damit auch die Technik und Techniken sind aus dem ganzen Land nach Hagen gewandert und für einen modernen Museumsbetrieb aufbereitet worden. In vielen der 50 Häuser im Mäckingerbachtal in Hagen geht es um ausgestorbene Berufe oder die Ursprünge heutiger industrieller Produktion.

Auf 40 Hektar können die Besucher während ihres drei Kilometer langen Rundgangs Handwerkern über die Schulter schauen. Gezeigt wird die Arbeit mit Nichteisenmetallen oder mit Eisen und Stahl wie in der alten Gesenkschmiede, in der Stefan Austermann jetzt mit einem Schmiedehammer schlägt. „Heute kann das fast keiner mehr. Um das Handgelenk zu schonen, bedarf es einer langen Ausbildung“, sagt er. Nicht zu kurz kommt auch die Herstellung von Papier, der Druck auf Papier oder auf Stofftüchern und die Bearbeitung von Fasern, Ledern oder Fellen. In der fast 100 Meter langen Seilerei aus Niedersachsen sind „Doppelspinnbahnen“ aufgebaut. Gezeigt wird auch, wie Arbeit und Wohnen früher zusammengehörten.

Oben, auf der Höhe des Tals steht die Museumsschreinerei. Mit einfachen Werkzeugen schnitzen Mitarbeiter Holzlöffel oder fertigen Holzschuhe. Dabei erfährt der Besucher, dass die Holzschuhe aus dem Münsterland nach Holland kamen, sie aber auch im Bergischen Land in der Frühindustrie sehr wichtig waren. Wer auf einem heißen Boden arbeitete, der trug Holzschuhe, wie auch der, dem schwere Werkzeuge oder Werkstücke auf den Fuß fallen konnten.

Da auch Nahrungs- und Genussmittel von Hand produziert werden mussten und zum Teil heute noch produziert werden müssen, findet sich auf der Querstraße am Wendepunkt des Museums eine Bäckerei, eine kleine Hausbrauerei oder eine Räucherei. Verkauft wird zum Beispiel im Museumsofen gebackenes Brot - Stuten oder Graubrot. In der alten Colonialwaren-Großhandlung Bommers & Schuchart ist die Zeit stehengeblieben. Es riecht nach frischem Kaffee, zu sehen ist aber auch eine Senfproduktion.

In der Gesenkschmiede glüht wieder das kleine Werkstück. Stefan Austermann dreht den Nagelkopf und schlägt ihn so, dass der Zimmermann oder Dachdecker ihn später ins Holz schlagen kann. „Handwerker brauchen die Nägel für den Bau von Holzhäusern oder Holzbooten“, sagt er.

Er gibt den jungen Besuchern mit auf den Weg, sich nicht nur über den PC Gedanken zu machen, sondern auch über das Handwerk. „Ich sage euch, das macht Spaß“, sagt er und legt den erkalteten Nagel in eine große Kiste.

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