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Ratingen
60 Jahre Nützliches lernen für den Alltag

Ratingen: 60 Jahre Nützliches lernen für den Alltag
Wer mochte, konnte in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Handarbeit am Webstuhl erlernen. FOTO: Blazy Achim
Ratingen. Es begann mit einer "Bildungseinrichtung" für Mütter. Und die sind immer noch willkommen. Die Katholische Familienbildungsstätte, beheimatet an der Kirchgasse 1, besteht nun seit 60 Jahren. Von Gabriele Hannen

Hermann-Josef Pliß, Diplom-Pädagoge und aktueller Leiter, dem Unternehmen seit 1980 in unterschiedlichen Funktionen verbunden, hat sich zum einem Abschied "light" entschlossen. Zunächst einmal sagt er in der kommenden Woche Adieu, übernimmt dann aber noch ein paar Monate Schwangerschaftsvertretung für eine Kollegin.

So stehen Mutter und Kind auf beiden Seiten des Angebots im Mittelpunkt - heute wie damals. Als sich nämlich am 5. September 1956 die Frauen- und Müttergemeinschaften, der katholische Deutsche Frauenbund, die caritativen Vereinigungen und die weiblichen Jugendverbände in Ratingen zu einem katholischen Familienbildungswerk zusammenschlossen, war die Absicht: "Primäres Ziel der Einrichtung zur Zeit der Gründung ist es, die weibliche Jugend auf ihren späteren Beruf als Hausfrau und Mutter vorzubereiten. Daneben werden Fortbildungskurse für Frauen und Mütter eingerichtet."

Handwerk für Anfänger und Fortgeschrittene: Ein Töpferofen gehörte schon vor Jahrzehnten zur Ausstattung. FOTO: Blazy Achim

Wer es also geschafft hatte, unter die Haube zu kommen, wurde auch nicht im Regen stehen gelassen. Doch die vorbereitenden Kurse waren damals wie heute keinesfalls nur für eine Ehefrau nützlich, sondern für jede Frau. Und sind es heute auch für Männer - inzwischen machen sie nämlich 20 Prozent der Teilnehmer aus. Damals wie heute ist es wirklich keine Schande, wenn man kochen, backen und nähen kann. Gymnastik wird heute sogar noch öfter gemacht als in den Gründerjahren, aktuell allerdings immer mit schicken Bezeichnungen verkauft. Von Anfang an musste die Mütterschule mit räumlichen Notlösungen zurechtkommen. Das Büro war im Wohnzimmer der Vorsitzenden untergebracht, größere Veranstaltungen fanden im damaligen Ferdinand-Cremer-Haus (heute: Stadthotel an der Angerstraße) statt, Werk- und Bastelkurse im Ökonomiegebäude (dem Bauernhof) des Krankenhauses, Kochkurse im Keller des Jugendheims an der Angerstraße. Zwei Jahrzehnte später zog man um ins jetzige Domizil. "Mein Wunsch wäre es gewesen, eine eher barrierefreie Einrichtung anzubieten", erklärt der scheidende Leiter der Bildungsstätte. "Aber immerhin konnten wir ordentlich umgebaute Räumlichkeiten anbieten und ein Programm, das passgenau zugeschnitten ist." Es dreht sich um die unterschiedlichsten Kurse, wobei der Kreativ-Bereich zurückgefahren wurde.

Aber Gesundheitsthemen und vor allem alles, was sich ums Kinderkriegen, Elternwerden und -sein dreht, findet reichlich statt und wird gern angenommen. Das erkennt man schon daran, dass das entsprechende Kursprogramm als zusätzliches Heft ins normale Programm eingeklebt werden musste. Im Qualifizierungs-Segment schließlich ist eine Ausbildung zu erwähnen, die Frauen und Männer zur Kindertagespflege fit macht; jetzt noch 160, demnächst aber 300 Unterrichtsstunden umfasst. In einer Festschrift aus den vergangenen 80er Jahren werden Hausfrauen schon mit Anführungszeichen geschrieben. Aber dazu gehört die ganz klare Feststellung, dass nur die wenigsten von ihnen auf ihre Rolle im Haushalt vorbereitet seien. Auch, wenn "eine sich wandelnde Rollenverteilung in der Familie zunehmend Männer an hauswirtschaftliche Tätigkeiten heranführt". Wer heute als Single seine Designerküche bewirtschaftet, wird bald einsehen, dass das eigene kulinarische Leben mit Johann Lafer auf der Mattscheibe, einem Smoothie auf dem Frühstücksbrett und zwei Lieferservices in der Hinterhand recht schlicht ist. Das alles wird Hermann-Josef Pliß demnächst wohlwollend in der Erinnerung vorbeiziehen lassen. Er wird aus seinem Wohnort Moers hin und wieder zu einem Kochkursus für Männer anreisen und sicher sein, dass er aus der Mütterschule eine gut funktionierende Familienbildungsstätte geformt hat. Und kann sich dann ehrenamtlichen Aufgaben widmen.

Bastelnachmittag: Mütter und Kinder standen seit jeher im Mittelpunkt der Arbeit im Familienbildungswerk. FOTO: Achim Blazy
Quelle: RP
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