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Kreis Mettmann
Als Polizeibeamter in der RAF-Zeit

Kreis Mettmann: Als Polizeibeamter in der RAF-Zeit
Hat demnächst mehr Zeit für seine Hobbys Fahrradfahren und Skilaufen: Polizeidirektor Dieter Dersch. FOTO: Dietrich Janicki
Kreis Mettmann. Polizeidirektor Dieter Dersch wird in den Ruhestand verabschiedet. Er erzählt aus seinem Polizistenleben. Von Christoph Zacharias

Klingt abgegriffen, aber ihm glaubt man es: "Ich bin mit Leib und Seele Polizist und der Abschied nach fast 42 Jahren Dienst fällt mir nicht leicht". Polizeidirektor Dieter Dersch, verantwortlich für 440 Polizisten im Kreis Mettmann, wird am 3. Juli offiziell verabschiedet. Noch ist er 61 Jahre, im Juli feiert er Geburtstag, dann hat er die Altersgrenze erreicht und muss in den Ruhestand gehen.

Dabei wusste der junge Dieter Dersch gar nicht, dass Polizist mal sein Traumberuf werden würde. Aufgewachsen in Essen, wollte er eigentlich Chemie studieren. "Ging aber nicht, wir hatten kein Geld, um das Studium zu finanzieren." Das war Anfang der 70er Jahre. Damals trug Dersch noch lange Haare, einen grünen Parka und Levis-Jeans. Das war quasi die Uniform der 70er-Generation. "Ich wollte einen Beruf ergreifen, der was mit Menschen zu tun hat", sagt er. Also Lehrer oder Polizist. Er entschied sich für Letzteres. Am 1. Oktober 1973 war Schluss mit lustig: Haare ab, Parka aus und Polizeiuniform an. "Mein Freundeskreis veränderte sich", sagt Dersch. Nicht alle Kumpels konnten seinen Schritt in Richtung Polizeidienst nachvollziehen. Doch der Essener nahm's sportlich: Er wurde als Polizist bei Demos gegen den Axel-Springer-Verlag eingesetzt, auf der anderen Seite standen ehemalige Weggefährten, die er beispielsweise im Sportverein kennengelernt hatte. Übrigens: Der Sport war immer wichtig für ihn. Er war ein sehr guter Turner und hatte schon früh seinen Übungsleiterschein gemacht; also der erste Schritt in Sachen leiten, führen und erklären. Was folgte, waren zahlreiche Ausbildungsabschnitte. 1980 begann seine Karriere im Kreis Mettmann. Nach verschiedenen leitenden Positionen wurde Dersch 1998 zum Polizeidirektor befördert. Doch es waren nicht nur Führungsaufgaben, die er übernahm und ausfüllte, nein, er nahm auch an Polizeieinsätzen teil. "Ich habe die Zeit mitgemacht, als die Rote Armee Fraktion die Bundesrepublik in Angst und Schrecken versetzte." 1976 wurde Dersch zu einem Banküberfall in Essen gerufen. "Die Täter waren gerade aus der Bank raus und auf der Flucht, sie hatten mit Maschinenpistolen sofort beim Betreten des Geldinstitutes geschossen, zwar niemanden verletzt, aber die Angestellten standen unter einem schweren Schock." Die Täter kamen aus dem unmittelbaren Umfeld der RAF. "Nicht auszudenken was passiert wäre, wenn wir eine Minute früher am Tatort erschienen wären."

Er selbst kam ein paar Monate später in eine Großkontrolle der Polizei. Er war in Zivil und hatte seine Dienstwaffe im Holster an der Hosenseite. Der kontrollierende Beamte in Uniform hatte eine durchgeladene Maschinenpistole im Anschlag. "Ich habe ganz ruhig gesprochen und ihm gesagt, dass ich meinen Dienstausweis, Führerschein und Fahrzeugschein in der Geldbörse habe, die sich in der Gesäßtasche befindet. Wenn ich nun in die Tasche greife, sähe er eine Pistole. Er dürfe sich nicht erschrecken." Ganz langsam habe Dersch seine Geldbörse gezückt und den Dienstausweis gezeigt. Die Situation entspannte sich. "Wir waren beide mit den Nerven ziemlich am Ende."

In den 90er Jahren musste Dieter Dersch bei einer Geiselnahme (zwei Polizisten befanden sich in der Gewalt eines Schwerverbrechers) die Anordnung für den finalen Rettungsschuss (Tötung des Geiselnehmers) fürs SEK unterschreiben. Der Verbrecher konnte aber fliehen, die beiden Beamten wurden befreit. Drei Tage später nahm ein Einsatzkommando den entflohenen Häftling fest. Der Berufsverbrecher und Deutschlands gefährlichster Geiselgangster (38 Jahre Knasterfahrung) drohte fortan, Dersch und seine Familie umzubringen. "Ich würde heute genauso handeln wie damals", sagt der Polizeidirektor.

So zugänglich er gegenüber Kollegen und so freundlich er gegenüber seinen Mitmenschen auftritt, so hart kann er sein, wenn er im Dienst Entscheidungen treffen muss und dann handelt. Er hat Gewalt in Fußballstadien erlebt mit 80 Festnahmen und 21 verletzten Polizisten. Er selbst hatte bei einem Einsatz großes Glück: Eine Metallmutter, die mit einer Präzisionszwille verschossen worden war, prallte an einem Funksprechgerät ab, das er sich gerade vors Gesicht gehalten hatte, um Kontakt zur Leitstelle aufzunehmen.

Was er sich wünscht? "Die Qualität der Gewalt hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Die Brutalität - auch die verbale - ist größer geworden. Darunter leiden viele Polizisten. Sie werden beschimpft, bespuckt, beleidigt und geschlagen. Ich wünsche mir mehr Respekt vor der Polizei."

Quelle: RP
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