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Serie Ross Und Reiter
Curly Horses: Reiten für Pferdeallergiker

Serie Ross Und Reiter: Curly Horses: Reiten für Pferdeallergiker
FOTO: Schütz Michael
Ratingen. Seit 17 Jahren züchtet und verkauft Daniela Söhnchen Pferde der seltenen und außergewöhnlichen Rasse Curly Horses. Da sie nur wenige allergene Proteine aufweisen, bieten die Lockenköpfe auch Menschen mit Pferdeallergie die Chance zu reiten. Von Beate Wyglenda

Wipperfürth Daniela Söhnchen muss sich nur der Pferdekoppel nähern, da kommen sie schon angetrabt: Aufgeweckt, verspielt, neugierig laufen die Fohlen Mel und Liza auf ihre Besitzerin zu, recken den Kopf zu ihr rüber, zeigen an, dass sie geschmust werden wollen. "Sie hoffen, dass es noch Hafer gibt", sagt die Inhaberin des Wipperfürther Pferdehofs "Curly Horses Germany" lachend, während sie sanft Hals und Kopf ihrer beiden Fohlen streichelt. "Inzwischen sind sie richtig munter", ergänzt die Pferdwirtin. "Noch etwas klein, aber topfit."

Die Freude und die Erleichterung sind Daniela Söhnchen bei diesen Worten deutlich anzusehen. Vor wenigen Wochen sah der Gesundheitszustand der Fohlen nämlich noch ganz anders aus. Denn Mel und Liza waren eine Zwillingsgeburt, genauer gesagt, sie sind das in Europa einzige Geschwisterpärchen dieser Pferderasse, das eine Zwillingsgeburt überstanden hat. Weltweit ist es erst der zweite bekannte Fall. Doch so selten das Ereignis, so kompliziert ist die Entbindung. Daniela Söhnchen erinnert sich an die dramatischen Momente um 1.30 Uhr am 17. Juni.

Daniela Söhnchen mit ihren verschmusten Zwillingsfohlen Mel und Liza. Curly Horses sind menschenbezogene Pferde. FOTO: Schütz Michael

"Ich habe bereits mehr als 60 Fohlengeburten selbst vorgenommen", erzählt sie mit Blick auf ihre 17-jährige Erfahrung als Züchterin. Als die Niederkunft von Jolly Jumper, der Mutter der beiden Fohlen, anstand, hatte Daniela Söhnchen daher keine Bedenken, auch diese Geburt alleine anzugehen. "Doch als ich in die Stute fasste und plötzlich ein drittes und dann ein viertes Bein in der Hand hielt, wusste ich gleich, da stimmt etwas nicht."

Dass die 15-jährige Stute Zwillinge erwartete, war nicht bekannt. Auch in diesem Augenblick dachte Daniela Söhnchen eher daran, dass das Fohlen falsch im Geburtskanal liege. Sie rief sofort den Hückeswagener Tierarzt Dr. Markus Brendler an. "Er kam auch zügig, doch Jolly war da schon sehr entkräftet", berichtet Söhnchen. Die Mutter kollabierte, musste an einen Tropf. "Dann zog der Arzt das erste Fohlen heraus und sagte, nun wollen wir noch das zweite zur Welt bringen", erzählt sie lächelnd und ergänzt: "Erst da wurde mir bewusst, was eigentlich los ist."

Brendler holte beide Schwestern lebend zur Welt. Überm Berg waren die Pferde aber noch nicht. Mel wog gerade mal 30 Kilogramm. Normal ist ein Gewicht von 50 bis 60 Kilogramm. Liza war sogar nur 20 Kilogramm leicht, ist später sogar zusammengebrochen. "Nach zwei Tagen haben wir festgestellt, dass Liza nicht genug Kraft hatte, um selbst Milch zu saugen. Deshalb haben wir angefangen zuzufüttern", sagt Söhnchen. "Das war einfach eine dramatische Zeit. Jedes Mal, wenn ich in den Stall ging, habe ich gehofft, dass alle drei noch leben."

Sie haben überlebt und sind heute putzmunter. Doch nicht nur deshalb sind Mel und Liza, deren Namen zu Melliza zusammengefügt das spanische Wort für Zwillinge bilden, etwas Besonderes. Sie gehören als Vertreter der Curly Horses nämlich auch einer Pferderasse an, die an sich schon außergewöhnlich ist.

Markant ist die namensgebende Lockenpracht der Curlys. Vor allem aber haben sie eine für Pferdefreunde wunderbare Eigenschaft: Sie sind als Reitpferde auch für Allergiker geeignet. Der Grund: Curlys haben nicht nur weniger allergene Proteine in ihren Hautschuppen, diese sind zudem auch qualitativ anders zusammengesetzt. "Zwar kann es bei den ersten paar Malen des Kontakts noch zu leichten Reaktionen kommen, diese mildern sich aber schnell ab", versichert Söhnchen.

Sie selbst war skeptisch, als sie von der Eigenschaft erstmals hörte. Zusammen mit ihrem damaligen auf Pferde allergischen Lebensgefährten ließ sie sich bei der ersten deutschen Züchterin in Stuttgart überzeugen. "Es hat tatsächlich funktioniert, er hatte keine Symptome. Also habe ich gleich vor Ort einen Hengst, eine zweijährige und eine tragende Stute gekauft", erzählt die Pferdewirtin. Gedacht war die kleine Herde ursprünglich nur zur Weiterzucht. Söhnchen wollte die Lockenköpfe heranziehen und verkaufen. Noch heute gibt es weltweit nur 5000 Exemplare der nordamerikanischen Pferderasse.

Doch es kam anders: "Irgendwann hatte ich einen Käufer bei mir, der sich zwar freute, nun ein hypoallergenes Pferd zu besitzen, der aber nicht wusste, wo er es nun reiten lernen könne", erzählt Söhnchen. In einer gewöhnlichen Reitschule konnte er sich schließlich weder selbst frei bewegen noch sein Curly einstallen, weil es sonst mit allergieausläsenden Partikeln anderer Pferde verunreinigt würde. "Also hab ich den Reitunterricht übernommen", sagt die Züchterin. Dann kamen ein zweiter, ein dritter und immer mehr Käufer mit dem gleichen Problem zu ihr, bis Söhnchen entschied, den Unterricht in ihr Angebot aufzunehmen.

Heute ist "Curly Horses Germany" der einzige Curly-Hof in ganz Deutschland, der neben den Zuchttieren - jährlich durchschnittlich sechs Fohlen - auch Reitunterricht in Form von Schulreiten, Reitkursen und Ferienmaßnahmen anbietet. "Allergiker sollten möglichst mindestens drei Tage auf dem Hof verbringen. Dabei gibt es gleich am ersten Tag einen Spazierausritt", sagt die Pferdewirtin und erklärt: "Bei einigen Allergikern sind die Symptome auch stressabhängig. Wenn sie eine Reaktion erwarten, dann kommt sie auch. Bei dem Ausritt sind sie aber davon abgelenkt und konzentrieren sich eher auf die Landschaft und das Reiten selbst." Am zweiten und dritten Tag wird vorwiegend am Platz trainiert.

Die Teilnehmer kommen aus ganz Deutschland. Viele sind inzwischen Stammgäste, verbringen ihre Urlaube auf dem Curly-Hof. Das Besondere: "Es gibt Fälle, die dank des regelmäßigen Kontakts mit den Curlys nun gar nicht mehr auf Pferde allergisch reagieren", sagt Söhnchen. Es dauert ein bis zwei Jahre bis zu dieser Desensibilisierung.

Mindestens ebenso wichtig ist der Pferdewirtin das Wohlergehen der Tiere. Sie sehe die Pferde als Partner, nicht als Sportobjekte an, betont sie, und versucht daher mit Seminaren zur Körpersprache der Pferde, die Kommunikation zwischen Mensch und Tier zu verbessern. Söhnchen: "Curlys sind sehr menschenbezogene, charakterstarke und entspannte Pferde, doch auch sie wollen verstanden werden."

Quelle: RP
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