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Ratingen
"Das ist eigentlich schon ein Vollzeitjob"

Ratingen. Margret Schmitz (75) und Renate Vander (74) betreuen ehrenamtlich Flüchtlinge in zwei städtischen Unterkünften. Von Wolfgang Schneider

"Fragen Sie nicht!" Margret Schmitz und Renate Vander sind sich einig: "Die Zeit, die wir mit diesem Engagement verbringen, ist kaum zu messen. Das ist eigentlich schon ein Vollzeitjob. Aber das ist nicht schlimm, weil es eine schöne und wichtige Aufgabe ist." Beide Frauen sind ehrenamtliche Flüchtlingsbetreuerinnen. Schmitz kümmert sich mit einer gut aufgestellten Flüchtlingsschar um die Menschen in der Containerunterkunft am Tiefenbroicher Gratenpoet, Vander ist noch mehr oder weniger allein auf weiter Flur am Niederbeckweg. "Aber da wird sich etwas ändern. Ich bin gerade dabei, auch hier ein entsprechendes Netz an Helfern aufzubauen", sagt die 74-Jährige, die in West schon vor fast 20 Jahren aktiv war, als in der Unterkunft noch Aussiedler untergebracht waren.

Renate Vander erinnert sich noch an ihre Anfänge in Tiefenbroich vor zwei Jahren: "Ich hatte Zeit und wollte mich gerne um eine Familie aus der Unterkunft kümmern. Als ich dann hier war, habe ich mir gedacht: Das kannst Du nicht machen. Nur eine Familie besuchen und nichts für die anderen machen, das geht nicht." Und so blieb sie erst einmal auch am Gratenpoet, bis sie vor einiger Zeit in West vom dortigen Hausmeister angesprochen wurde: "Er kannte mich noch aus der Aussiedler-Zeit und hat gefragt, ob ich nicht wieder regelmäßig kommen wolle." Die beiden rüstigen Seniorinnen sind gern gesehene Gäste, die Menschen aus der ganzen Welt, die derzeit für maximal 15 Monate am Gratenpoet untergebracht sind, freuen sich. Margret Schmitz, die ehemalige Tiefenbroicher Gemeindereferentin, hat den kleinen Isaac auf dem Arm. Der kleine Junge aus Äthiopien fühlt sich sichtlich wohl auf ihrem Arm. Und auch die Ur-Tiefenbroicherin genießt das Kuscheln mit dem Kleinen. Denn die ehrenamtliche Hilfe hat auch Schattenseiten, das wissen beide nur zu gut. Mit Aufenthaltstiteln, Antragsformularen und Behördenpost kennen sich die beiden aus. Helfen, wo sie können, wenn einer der grauen Amtsbriefumschläge bei den Flüchtlingen eintrifft. "Die Hilfe endet nicht, wenn die Menschen aus der Unterkunft in Wohnungen ziehen. Da bleiben wir natürlich weiter in Kontakt", erzählt die 75-jährige Schmitz, die täglich in der Unterkunft ist, sich zum Beispiel um die Betreuung der Kinder kümmert, während die Erwachsenen Deutschunterricht bekommen oder einen Nähkurs machen. Warum dieser Einsatz? "Wir sind christlich erzogen worden. Und es heißt nun einmal, man solle seinen Nächsten wie sich selbst lieben. Damit ist doch alles gesagt", findet Renate Vander, deren Mann immer mit dabei ist, Möbel aufbaut oder den Fahrdienst übernimmt. Der Glaube ist es auch, der Margret Schmitz über die schweren Momente ihres Engagements hinweg hilft. Ihre Augen werden glasig, als sie sich an eine unangekündigte Abschiebung in der Unterkunft erinnert: "Die Familie hatte eine Stunde Zeit, alles zu packen. Es war keine Verabschiedung, einfach nichts möglich. Alle waren in heller Aufregung. Das fand ich grausam." Auch wenn der Aufwand hoch ist, für die Frauen gibt es keinen Zweifel: "Die Dankbarkeit und Freundlichkeit der Menschen ist das alles wert."

Quelle: RP
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