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Ratingen
Dem Archivar über die Schulter schauen

Ratingen: Dem Archivar über die Schulter schauen
Erik Kleine Vennekate mit einer Fotodokumentation aus den 30er Jahren - in Auftrag gegeben von der damaligen Nazi-Stadtverwaltung. FOTO: achim blazy
Ratingen. Morgen ist Tag des offenen (Stadt-)Archivs. Die Einrichtung an der Mülheimer Straße ist ein Treffpunkt für Forscher. Von Paul Köhnes

"Es kommen vermehrt Leute, die sich für das Thema Mütterrente interessieren", sagt Archivar Erik Kleine Vennekate. Wohlwissend, dass dies nicht unbedingt ein Thema ist, das Geschichtsinteressierte ohne Weiteres als Kernaufgabe des Stadtarchivs einsortieren würden. Aber genau so verhält es sich. Denn: "Hier liegt die alte Meldekartei der Stadtverwaltung - bis zum Jahr 1980. Und die Aufbewahrung von Unterlagen der Stadtverwaltung ist nun einmal eine zentrale Aufgabe eines jeden Stadtarchivs." Wer also seine persönlichen Daten komplettieren will, um Rentenansprüche geltend zu machen, ist unter Umständen im Archiv an der richtigen Adresse.

Unter diese Aufbewahrungspflicht fallen allerdings auch weniger alltagspraktische Papiere als die des Melderegisters. Gelegentlich auch solche, die allerlei Wege und Irrwege hinter sich haben. Ein Beispiel aus den Zeiten kurz vor dem Rathaus-Abriss: "Irgendwo im Rathaus-Keller fand sich ein Karton Papiere, die 1975 schon den Umzug des alten Amtes Angerland an die Minoritenstraße mitgemacht hatten und in der Folgezeit unbeachtet blieben. Bis sie unlängst hier im Archiv landeten: Darunter waren Akten, in denen es um die Dienstwagenbeschaffung für einen Nazibürgermeister in den späten 30er Jahren ging", erzählt Kleine Vennekate. Ein dankbares Betätigungsfeld für Zeitzeugen, Privatinteressenten und Studenten sind schwarze Löcher in der Stadtgeschichte - die immer mal wieder auftauchen. Ein Beispiel dafür hängt als Infotafel im Archivflur: "Es ist der Bauplan des ehemaligen Cantonal-Gefängnisses an der Wiesenstraße, Ecke Grubenstraße", so viel ist dem Archivar bekannt. Die Bauakte des 1969 abgerissenen Baus fand sich - aber bisher kein Hinweis darauf, wer in wessen Auftrag im Jahr 1870 ein Gefängnis mit 33 Zellen errichtet hat.

Forschung ist aber auch im Kleinen wertvoll, zumal, wie Kleine Vennekate sagt, das Interesse an Regionalgeschichte an den Universitäten nach einem regelrechten Boom in den 90er Jahren derzeit eher abgeflaut erscheint. Rückenwind für die Archivarbeit kommt dagegen aus einer anderen Richtung: "Uns helfen vor allem Zeitzeugen, die an Kapiteln der Stadtgeschichte interessiert sind, und die über detaillierteste Orts- und Personenkenntnisse verfügen".

Eine Art Gemeinschaftsproduktion der Ratinger Historiker und Archivare ist der morgige Tag des offenen Archivs, den die Mitarbeiter aus besonderem Anlass gestalten. Das Thema ist gut erforscht. Es geht um die Erinnerung an den letzten verheerenden Bombenangriff auf Ratingen am 22. März 1945. Dazu wird eine Fotoausstellung zum Kriegsende 1945 in Ratingen eröffnet, die als Projekt von Kai Meinen gestaltet wurde, der seit September 2014 ein Freiwilliges Soziales Jahr Kultur im Stadtarchiv und Medienzentrum leistet. Solche Angebote sind immer stark gefragt, wie Kleine Vennekate weiß.

Aber ihm geht es perspektivisch auch um einen allgemeineren Ansatz für die Arbeit: "Neue Fragen an die Stadtgeschichte zu stellen - das ist es, was Interessenten hierher bringt."

Quelle: RP
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