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Bastian Fleermann
"Den Hass aus den Köpfen bekommen"

Bastian Fleermann: "Den Hass aus den Köpfen bekommen"
Dr. Bastian Fleermann, Leiter der Mahn- und Gedenkstätte in Düsseldorf, mit den Kolleginnen Sandra Franz (links) und Astrid Wolters , die den lehrreichen Koffer entwickelt haben. FOTO: Achim Blazy
Ratingen. Ratinger Sponsoren haben einen neuen Museumskoffer finanziert, der helfen soll, Antisemitismus vorzubeugen.

Zwei Ratinger Privatstiftungen, die anonym bleiben wollen, haben dieses didaktische Angebot ermöglicht. Worin bestand der Antrieb für diesen Schritt?

Fleermann Im Sommer 2014 flammte der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern wieder auf. Damals gab es auch in unseren Städten aggressive Demonstrationen, bei denen schreckliche Parolen skandiert wurden. Ein Abgrund an Judenhass tat sich auf - und zwar unter Deutschen genauso wie unter muslimischen Migranten. Das hat nicht nur uns, sondern auch die zwei Ratinger Ehepaare erschreckt. Sie kamen auf uns zu und fragten, was man dagegen unternehmen könne. Sie wollten unbedingt bei jungen Menschen den Hass aus den Köpfen bekommen.

Und Ihre Kolleginnen haben diesen Koffer dann entwickelt?

Fleermann Ja, die beiden Historikerinnen Sandra Franz und Astrid Wolters sind in unserem Haus für die Vermittlungsarbeit zuständig. Sie haben rund ein Jahr lang an dem Projekt gearbeitet, spielerische Ideen ausprobiert, Gemeinsamkeiten von Religionen herausgefiltert, Vorurteile zerlegt. Sie haben sehr engagiert Materialien für Jugendliche ab 14 Jahren erstellt, die im Unterricht benutzt werden können. In Kleingruppen oder ganzen Klassen. Dabei spielt der historische Antisemitismus eine Rolle, aber genauso auch dessen moderne Formen heute - etwa im Internet oder in internationalen Kontexten.

An was für Beispielen machen die Materialien das Phänomen greifbar?

Fleermann Viele Beispiele kommen aus unserer Region. Hassbriefe an die Jüdische Gemeinde Düsseldorf werden gezeigt, auf einer DVD sind Interviews mit Jugendlichen aus der Gemeinde zu sehen, aber auch Ratingen spielt eine Rolle. Die Stifter wollten, dass der Koffer auch in Ratinger Schulen benutzbar ist. Hierbei geht es um Beispiele aus unserer Stadt, etwa zu der Familie Waller von der Oberstraße.

Der Titel des Koffers klingt ein bisschen sperrig. Worin besteht die Chance, junge Menschen für das Thema zu sensibilisieren?

Fleermann Es sind eben diese Beispiele aus der Region, Ausflugstipps und Adressen, die gegeben werden. Nähe schafft Relevanz. Das Interesse der Schüler wird besonders dann geweckt, wenn es sie konkret etwas angeht. Die jüdischen Jugendlichen, die zu Wort kommen, sind völlig normale Jugendliche mit ihren Alltagsproblemen, Wünschen und Vorstellungen. Wer erkennt, dass Juden ganz "normale Menschen" sind, hat sich vom Hass schon einmal einen guten Schritt weg bewegt.

Wie schätzen Sie als Historiker die Bedeutung des Themas im Schul-, speziell im Geschichtsunterricht ein?

Fleermann Ich denke, es ist wichtig, Vorurteile abzubauen und jüdisches Leben einmal konkret kennenzulernen. Die Gemeinde in Düsseldorf bietet Synagogenführungen an. Und auch der Ratinger Verein Schalom hat keine Berührungsängste. Man muss nur aktiv werden. Jeder kommt schlauer aus einer Begegnung hervor. Solche besonderen Projekte - und da zählt ein attraktiv gestalteter Museumskoffer dazu - bleiben eher im Kopf hängen als ein dröges Geschichtsbuch. Das ist eine wichtige Ergänzung zum normalen Geschichtsunterricht.

Wie war bisher die Resonanz auf das neue Angebot?

Fleermann Dieser mobile Museumskoffer wurde gerade erst vorgestellt. Wir bieten jetzt spezielle Lehrerfortbildungen an, und nach den Sommerferien kann die Einheit durch die Schulen "wandern". Bis zu vier Wochen kann der Koffer ausgeliehen werden. Ratinger Lehrkräften ist das Angebot unbedingt zu empfehlen. Sie müssen es nur bei uns in der Altstadt abholen. Aber ein Besuch in der Gedenkstätte lohnt sich sowieso.

NORBERT KLEEBERG STELLTE DIE FRAGEN.

Quelle: RP
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