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An(ge)dacht
Der Sinn kleiner Begegnungen

Ratingen. Und? Wie geht's? Wie häufig stellen wir uns solche und ähnliche Fragen. Ich selber ertappe mich dabei, dass ich hier und da die allzu leicht formulierten Floskeln nutze. Was nur tun, wenn mir eine Person darauf antwortet: "Wie gut, dass du fragst. Mir geht es zurzeit nicht gut." Hätte ich dann die nötige Muße und Zeit, um mich dieser Person zu widmen. Manchmal nutzen wir vielleicht solche Redewendungen, um ganz bewusst nicht in ein tieferes Gespräch einsteigen zu müssen. Echtheit, Offenheit, Ehrlichkeit und Freundlichkeit zeigen sich aber gerade da, wo ich es schaffe, in den kleinen Begegnungen des Lebens nicht oberflächlich zu sein.

Solche Miniaturbegegnungen können Chancen sein. Vielleicht kann ich ja hier und da, wo ich dann doch mal ein wenig Zeit für ein kurzes Gespräch habe, die Frage, wie es geht, bewusst stellen. Ich habe mir angewöhnt, hin und wieder, wenn ich dann die berühmte Antwort "Gut!" bekomme, nachzufragen: "Und tatsächlich?" Nicht selten hat sich dann eine wirkliche kleine Begegnung eingestellt. Man muss nicht immer stundenlang Zeit haben, um einem Menschen tatsächlich zu begegnen.

"Im Vorübergehen sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war." So lesen wir im neunten Kapitel des Johannesevangeliums. Ganz viele Begegnungen zwischen Jesus und Menschen, die er heilte, fanden sozusagen am Wegesrand statt. Jesus geht mit offenen Augen durch das Leben der Menschen. Jesus fordert im Evangelium vom barmherzigen Samariter (Lk 10, 25ff.) dazu auf, jene, die uns am Wegesrand begegnen, nicht zu übersehen.

Vielleicht kann sich gerade hier, am Wegesrand meines Lebens, etwas ergeben, womit ich nicht gerechnet habe. In einem, da bin ich mir sicher: Wenn ich mich öffne, mich bewusst für den Nächsten interessiere und nicht nur oberflächlich versuche, freundlich rüber zu kommen, dann werde ich wahrscheinlich auch in meinem Denken, Handeln, in meinen Fragen und in meiner Suche nach echter Begegnung ernst genommen werden. Dann endet eine solche Begegnung sicher nicht nur mit den Worten: "Wir müssen mal wieder einen Kaffee zusammen trinken." Nein, dann wird man vielleicht auch direkt nach dem Kalender greifen und auch tatsächlich einen Termin vereinbaren. Ich wünsche Ihnen gute echte Begegnungen.

KREISDECHANT DANIEL SCHILLING, PFARRER AN ST. PETER UND PAUL

Quelle: RP
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