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Peter Philipp Pohl
"Die Schilddrüse wird unterschätzt"

Peter Philipp Pohl: "Die Schilddrüse wird unterschätzt"
In seiner Hand hält Peter Philipp Pohl das Modell einer Schilddrüse. FOTO: Ralf Matzerath
Ratingen. Der Chefarzt im Hildener St. Josefs Krankenhaus hat sich auf die Schilddrüsenchirurgie spezialisiert.

Herr Dr. Pohl, wozu brauchen wir die Schilddrüse überhaupt?

Pohl Die Schilddrüse ist ein zentrales, hormonregulierendes Organ, das alle Körperzellen steuert. Alle. Ausnahmslos. Wir brauchen sie für die Regulierung der Hautdurchblutung, die Sexualfunktion, für Verdauungszustände, für die Wachheit des Gehirns, in der Schwangerschaft für die Entwicklung des Gehirns des Embryos, für den Herzschlag. Entsprechend entstehen Probleme, wenn sie nicht richtig funktioniert.

Was gibt es denn für Erkrankungen?

Pohl Wir unterscheiden die Über- und die Unterfunktion, manchmal in Kombination mit Autoimmunerkrankungen und Krebs. Bei der Unterfunktion verlangsamt sich die Zelltätigkeit. Dadurch nimmt zum Beispiel die Verdauungstätigkeit ab, es kommt zu Verstopfungen, Haarausfall, die Herzfrequenz nimmt ab, eine Kälteempfindlichkeit entsteht, die Durchblutung sinkt.

Und bei der Überfunktion?

Pohl Da ist das Gegenteil der Fall. Es werden zu viele Schilddrüsenhormone ausgeschüttet und die regen den Stoffwechsel an. Die Menschen neigen zu Durchfall oder zu Hitze-Unverträglichkeit. Auffällig ist starke Nervosität, Aggressivität oder Herzrasen und ebenfalls der Haarausfall. In beiden Fällen können Knoten in der Schilddrüse vorliegen, die zu Schluckbeschwerden führen.

Wen treffen diese Erkrankungen in erster Linie?

Pohl Jeder dritte Mensch hat einer Studie zufolge mindestens einen Schilddrüsenknoten, Frauen sind häufiger betroffen. Die Unterfunktion ist bei Frauen um die 20 Jahre am stärksten vertreten. Die Überfunktion kommt in jedem Alter vor.

Sind Schilddrüsenknoten erblich?

Pohl Selten, der kleinste Anteil ist erblich. 95 Prozent der Knoten entstehen. Eine Ursache ist Jodmangel. Deswegen gilt die Empfehlung, um die Unterfunktion zu behandeln, regelmäßig Fisch zu essen, jodiertes Speisesalz zu benutzen. Ausgewogene Ernährung tut der Schilddrüse gut.

Ist jeder Knoten problematisch?

Pohl Nein, zwei Drittel der Patienten, deren Knoten wir hier untersuchen, schicken wir wieder nach Hause. Problematisch sind die, die schnell wachsen. Das ist bei jungen Frauen häufig der Fall und dahinter stecken auch teilweise bösartige Tumore, also Schilddrüsenkrebs. Deswegen ist eine Abklärung - Ultraschall, Blutuntersuchung, Hormonuntersuchung - sehr wichtig.

Wie gefährlich ist der Krebs?

Pohl Der Anteil der bösartigen Knoten liegt knapp unter fünf Prozent, ist also relativ gering. Bei jungen Menschen, die Knotenwachstum haben, liegt der Krebsanteil aber bei etwa zehn Prozent, und das ist erheblich. Da die Tumore verschiedenartig "wachsen", ist eine Operation durch den Spezialisten wichtig. Solange ein Knoten die Kapsel nicht verlässt, sind die Heilungschancen nahezu hundert Prozent.

Was wird bei einer Operation gemacht?

Pohl Es wird je nach Erfordernis ein vier bis fünf Zentimeter langer Halsschnitt gemacht, quer, wenn jemand einen isolierten Knoten hat, kann man diesen aus der Kapsel herausholen. So wie man zum Beispiel bei einer Avocado den Kern entnimmt. Es gibt aber auch die Möglichkeit, die Schilddrüse in mehreren Segmenten zu operieren. Wenn eine Schilddrüsenseite durch Knoten zu mehr als 80 Prozent betroffen ist, wird in der Regel die gesamte Hälfte entfernt. Bei Knoten beider Seiten oder Autoimmunkrankheiten auch die ganze Schilddrüse.

Man kann ohne Schilddrüse leben?

Pohl Das ist gar kein Problem. Die Hormonproduktion, die dann fehlt, kann man durch eine Tablette ersetzen. Ohne die dahinter liegenden Nebenschilddrüsen - vier linsengroße Drüsen, die extrem wichtig für den Kalziumhaushalt sind - kann man allerdings nicht leben. Deren Erhalt steht bei der Operation der Schilddrüse also immer mit im Vordergrund.

Was sind die Risiken der OP?

Pohl Die liegen unter anderem in der Verletzung der Stimmbandnerven. Das führt zu Heiserkeit der Patienten, die allerdings durch Logopädie meist wieder wegtrainiert werden kann. Bei erfahrenen Schilddrüsenchirurgen liegt das Risiko aber unter 0,5 Prozent. Bei mir kam es in 16 Jahren als Chirurg und fast 1500 Schilddrüsen-OP zu einer Stimmbandverletzung. Aber es ist am Ende gut gegangen, diese Patientin schickt mir zu Weihnachten immer Karten.

Sie hatten es eingangs erwähnt - inwiefern hat die Schilddrüse etwas mit der Fruchtbarkeit zu tun?

Pohl Bei einer Unterfunktionsstörung der Schilddrüse wird auch die Hormonbildung der Eierstöcke beeinflusst. Dadurch kommt es zu Regulationsstörungen. Die Gynäkologen untersuchen bei Patientinnen mit Kinderwunsch immer auch die Schilddrüse. Bei Problemen kommen Tabletten oder eben die Operation in Frage. In der Schwangerschaft wächst die Schilddrüse übrigens, teils um 30 Prozent. Früher hat man in Ägypten jungen Frauen ein Schilfblatt eng um den Hals gewickelt. Und wenn es gerissen ist, wussten sie, dass sie schwanger sind.

Was ist für Sie das Spannende an Ihrem Fachgebiet?

Pohl Die Schilddrüse ist ein unterschätztes Organ, das wir benötigen und das uns auch täglich Glück und Freude beschert. Ich konnte eine sehr gute Ausbildung genießen und möchte meine Erfahrung einsetzen, um den Leuten zu helfen. Und es ist eine feine, filigrane Arbeit, die Instrumente sind sehr klein, das macht schon Spaß. Das ist wie beim Pokémon-Spielen: Manche Leute fangen kleine Monster, ich entdecke Nerven und entferne Knoten.

Wie viele Schilddrüsen operieren Sie hier in Hilden pro Jahr?

Pohl Wir sind noch nicht bei den hundert, da würden wir gerne hinkommen. Aber es gibt auch Patienten, die kommen hier rein und sagen "Ach, ich wusste gar nicht, dass man in Hilden Schilddrüsen operieren lassen kann". Das ist ein Eingangs-slogan, der mich schon ein bisschen traurig macht nach fünf Jahren Tätigkeit hier - denn da wird einfach Wissen nicht genutzt.

DIE FRAGEN STELLTE TANJA KARRASCH.

Quelle: RP
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