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Ratingen
Die "Schöpfung" in klassischem Ebenmaß

Ratingen. Thomas Gabrisch leitete in der Stadthalle eine konzentrierte und klangvolle Aufführung des Haydn-Oratoriums. Von Norbert Laufer

Als Joseph Haydn vor knapp 220 Jahren das Oratorium "Die Schöpfung" schrieb, musste sich sogar das Chaos den Gesetzen des klassischen Ebenmaßes unterwerfen. Für seine Zeitgenossen war die Ballung von streng nach den Regeln vorbereiteten und wieder aufgelösten Dissonanzen unerhört; für uns ist "Die Vorstellung des Chaos", der orchestrale Einleitungssatz des gut zweistündigen Werks, ein hochinteressantes Klanggebilde aus der Spätzeit der geliebten Wiener Klassik.

Dieses erfordert natürlich ein großes Maß an Gestaltung. Thomas Gabrisch leitete nun in der Stadthalle eine konzentrierte und klangvolle Aufführung des Haydn-Werkes. Er hatte die Chorsätze mit dem Konzertchor Ratingen einstudiert und seine "Sinfonietta Ratingen" sowie Solisten eingeladen, mit ihm zu musizieren. Bereits in der Einleitung zeigte er beste Kapellmeisterqualitäten: Er gab durchweg klare Zeichen und zuverlässige Einsätze für die Instrumentalisten; er hielt die Musik in stetem Fluss und gab ihr höchst angemessene und differenzierte Charakterzüge mit auf den Weg. Was will man mehr?

So formte er mit seinen über 100 Mitstreitern eine runde, ausgewogene, aber auch spannungsvolle Aufführung. Das Oratorium schildert die biblische Schöpfungsgeschichte vom ersten bis zum siebten Tag in Bildern, die sprachlich und musikalisch lieblich einher kommen. In etlichen Sätzen der Komposition werden die Elemente oder die Tiere aufgezählt, die Gott schuf: "Und es ward so". Stets kommentiert das Orchester das Geschehen mit charakterisierenden Klängen und Melodien. "Und Gott sah, dass es gut war." So singt der Bass als Erzengel Raphael.

Bassist Jens Hamann verfremdete seine Stimme in etlichen Teilen seiner Partie jedoch in einer Weise, mit der er die erwähnten Tiere nachahmen wollte und rollte dabei manche Reibelaute so stark, dass es eher nach komischer Oper als nach einem Oratorium zum Lob der Schöpfung klang. Auch die kokette Geste der Sopranistin in der Rolle der Eva bei der Zeile "dir (gemeint war Adam) gehorchen bringt mir Freude" war wohl eher als kabarettistische, vielleicht feministisch-kritische Einlage zu verstehen. Haydn war sie nicht angemessen.

Sabine Schneider erfreute die Zuhörer ansonsten mit klassisch-klarer Gestaltung ihrer Sopran-Linien. Dino Lüthy legte seine Tenorpartie als junger, frisch singender Held an. Im Orchester waren hoch kompetente Kräfte am Werk, die Gabrisch zu einem höchst stimmigen Miteinander führte. Der Chor zeigte bis zum Schluss reine Tongebung und starken Ausdruck. Auch nach langen Arien kamen die Einsätze geschlossen und präsent. Gabrisch hatte offenbar in der Vorbereitung gute Probenarbeit geleistet, deren Früchte er nun mit seiner Dirigentenarbeit erntete. Mal geheimnisvoll, mal mit klassisch-angemessener Wucht, hier als vierstimmiger Gesamtklang, dort in Fugen, die von jeder Stimme sichere Selbständigkeit verlangte - stets meisterten die Sängerinnen und Sänger ihre Aufgaben aufs Beste. Eine Art zusammenfassender Höhepunkt der Aufführung war das Duett von Sopran und Bass "Von deiner Güt', o Herr und Gott, ist Erd' und Himmel voll" im Zentrum des dritten und letzten Teils. Hier waren Sopran und Bass klanglich gut aufeinander abgestimmt, die Choreinsätze ließen die Zuhörer wohlig erschaudern. Haydns "Schöpfung" orientiert sich an der klassischen Oper. Für den Herbst ist Verdis "Requiem" angekündigt - große romantische Oper.

Quelle: RP
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