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Ratingen
Die Steffi schickt sie alle zur Schule

Ratingen. Steffi Engelhardt kümmert sich bei der Stadt darum, dass Flüchtlingskinder zur Schule gehen. Von Wolfgang Schneider

Die Meinungen der Kollegen sind klar: "Über die Steffi müsst ihr unbedingt mal was machen, die Frau ist klasse!" Wer so einen Satz von drei Personen unabhängig hintereinander in kürzester Zeit über eine städtische Mitarbeiterin hört, der wird hellhörig. Wer ist diese Frau, die bei Kollegen aus verschiedenen Ämtern hoch angesehen zu sein scheint? Die Neugier ist geweckt. Auf dem Schreibtisch von Steffi Engelhardt steht eine fast leere Box mit Süßigkeiten auf der Gästeseite. Man merkt, hier sind öfter junge Menschen zu Besuch - und die kann man mit Naschwerk immer noch überzeugen.

Die Aufgabe der 30-Jährigen ist einfach formuliert, bedeutet aber eine ganze Menge Arbeit: "Ich bin unter anderem für die Überwachung der Schulpflicht zuständig", erzählt sie. Eine Aufgabe, die die junge Beamtin in den vergangenen zwölf Monaten vor enorme Herausforderungen gestellt hat. Denn durch die große Zahl an Flüchtlingen mussten auf einmal auch diese ins Bildungssystem integriert werden. Denn sobald ein Flüchtling einer Kommune zugeteilt wird, gilt für ihn die Schulpflicht - Seiteneinsteiger ist der Fachbegriff, unter den aber auch EU-Bürger fallen. "An Ratinger Schulen sind 235 Jugendliche, dazu kommen 73 am Berufskolleg und am Franz-Rath-Weiterbildungskolleg sowie zwei an Förderschulen. Und weitere 18 gehen außerhalb von Ratingen zur Schule. Mit den EU-Bürgern sind es insgesamt 424 Kinder und Jugendliche", berichtet Engelhardt. Sie könnte es sich einfach machen, jeden dieser Menschen bloß als einen Verwaltungsvorgang sehen. Aber wer ihr beim Erzählen zuhört, merkt schnell, dass das absolut nicht ihr Ding ist: "Es kommt viel auf den persönlichen Kontakt an, auch auf die Präsenz in den Flüchtlingsunterkünften. Ich kenne nahezu alle Familien, die nach Ratingen gekommen sind." Die persönliche Ansprache ist besonders in den Bereichen wichtig, die schulisch wenig bis gar nicht sozialisiert sind: "Viele Menschen haben am Anfang nicht verstanden, dass sie bei uns ihr Kind in die Schule schicken müssen." Das läuft mittlerweile überwiegend reibungslos, zumal auch die Schulen und die Bezirksregierung als Aufsichtsbehörde mitziehen.

"Anfangs waren da viele dicke Bretter zu bohren, aber mittlerweile ist die Zusammenarbeit in den Bereichen sehr gut, zumal wir auch in der Stadt bei der Integration von Flüchtlingen sehr gut vernetzt sind und es hier sehr viele Menschen gibt, die helfen."

Dazu gehört Steffi Engelhardt mittlerweile auch außerhalb der Dienstzeit. Seit den Sommerferien gibt sie einem 16-jährigen Iraker, der kaum Schulerfahrung in seiner Heimat hat, Nachhilfeunterricht. Sie sagt: "Ich kann ihm helfen, hier Fuß zu fassen und ihm endlich Zugang zur Schule zu ermöglichen, die ihm lange verwehrt blieb. Seine Geschichte, auch die Bilder aus der Heimat, berühren mich sehr und zeigen, wie gut es uns in Deutschland mit all den hier geltenden Rechten und Freiheiten geht." Auch mit anderen Jugendlichen sind ihre Erfahrungen sehr positiv: "Ich bin noch nie blöd angemacht worden." Natürlich gebe es manchmal negative Eindrücke, wenn sich jemand total dem Schulsystem verweigert: "Aber da gibt es Mittel und Wege, dagegen vorzugehen." Doch die positiven Erfahrungen überwiegen: "Außerdem möchte ich alle Interessierten ermutigen, auch ein Kind zu unterstützen, da hier wirklich so basale Dinge zu lernen sind, die nahezu jeder erklären kann. Zum Lesen und Rechnen - wir sprechen von den Grundrechenarten - üben, muss man nicht studiert haben." Und die Reaktionen seien überwältigend.

Quelle: RP
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