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Ratingen
Die zweite Chance für Schulabbrecher

Ratingen: Die zweite Chance für Schulabbrecher
Rosa Dörr, Olaf Ortmann, Eva Wessler und Nadine Petermann (v.l.) stellten das Projekt vor. FOTO: achim blazy
Ratingen. Junge Leute sollen im Ratinger Pilotprojekt wieder Spaß am regelmäßigen Lernen finden. Von Valeska von Dolega

Schulabbrecher gibt es viele. Zu viele. Sie aus den oft vorgezeichneten "Sozialhilfe-Karrieren herauszuholen, ist erklärtes Ziel", wie Sozialdezernent Rolf Steuwe sagt. Eine Maßnahme, doch noch die Kurve zu kriegen, soll die Produktionsschule.NRW im Kreis Mettmann sein. Im Frühjahr erdacht, ist sie seit Monatsanfang im Zentrum Aus- und Weiterbildung (ZAL) Ratingen am Start. "Ein solches Projekt gab es vorher nicht", weiß Eva Wessler, maßgeblich für die Entwicklung verantwortlich. Als Pilot gehen die Ratinger vorneweg, andere Städte im Kreis sollen von den Erfahrungen bei der Etablierung eigener Schulen profitieren.

Ein Dutzend Plätze hält das ZAL in den Gewerken Holz und Metall vor. Pro Platz gibt es 900 Euro monatlich. Ein Drittel der Kosten trägt die Stadt, zwei Drittel werden durch das Land NRW sowie den Europäischen Sozialfond gefördert. Von den zur Verfügung stehenden zwölf Plätzen ist aktuell einer belegt, Gespräche mit weiteren Kandidaten laufen, wie Rosa Dörr, zuständige Mitarbeiterin des Jugendamtes, sagt: "Zielgruppe sind junge Leute, die weder von der Schule noch vom Elternhaus greifbar sind." Sie sollen dort ihre zweite Chance bekommen. Der Clou an der Produktionsschule.NRW ist, dass dieses "niederschwellige Angebot auf Freiwilligkeit basiert", wie Sozialpädagogin Nadine Petermann erklärt. "Das Projekt soll vor allem Spaß machen."

Sukzessive sollen die Teilnehmer sich daran gewöhnen, irgendwann einen regulären Acht-Stunden-Tag so absolvieren. Aus dem "Schussfeld Schule und dem ungeliebten Frontalunterricht" sollen die jungen Leute genommen werden. Im ZAL üben sie in Eigenregie nicht nur, sie stellen Echtprodukte her, unter normalen Arbeitsbedingungen.

Auch vom Kunden formulierte Wünsche sollen umgesetzt werden. Die Teilnehmer lernen, was Menschen für das Arbeitsleben können müssen: Pünktlichkeit, Konzentration, Geschicklichkeit, Durchhaltevermögen - und spezifisches Können. Der Betreuungsschlüssel ist hoch: Auf sechs Jugendliche kommen ein Ausbilder sowie ein Sozialpädagoge. Beide sind immer vor Ort. Denn was sich auf dem Papier so spielerisch anhört, ist eine ergebnisorientierte Arbeit. Im optimalen Fall holen diese Schulabbrecher oder -verweigerer sowohl einen Abschluss nach beziehungsweise satteln eine Ausbildung, abgeschlossene Prüfung inklusive, obendrauf.

In Dänemark, wo die Produktionsschule ersonnen wurde, trägt sie Früchte. Quasi zur deutsch-deutschen Wiedervereinigung und angesichts der desolaten Ausbildungsquote in manchen Teilen der neuen Bundesländer, kam die Idee nach Deutschland. Wie wirklich gut sie einschlug, zeigt sich in Hamburg. Dort ist sie inzwischen ein Instrument der Regelförderung. Und Produkte, die dabei entstehen, eine Marke wie die Schule selbst. Werkstücke wie Paddel für Stand-up-Bretter und Büromöbel sind begehrte Objekte. Und durch den Verkauf refinanziert sich die Hamburger Schule zu etwa zehn Prozent. "Davon sind wir natürlich noch weit entfernt", sagt Eva Wessels.

Quelle: RP
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