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Ratingen
Donnerstags sind die Jungs unter sich

Ratingen. Einmal in der Woche ist Jungstag bei der Diakonie - für die diejenigen, die ohne Vater aufwachsen. Von Valeska von Dolega

"Das ist eine schöne Matscherei!", freut Jörn sich über die Arbeit mit Farbe und Pinsel. Der Zehnjährige erinnert an einen Schlumpf, bis zum Haaransatz ist er nahezu gleichmäßig blau im Gesicht. "Eigentlich soll die Farbe an die Wand", weiß er.

Die Wand gehört zum Seminarraum der Diakonie West und bekommt jetzt einen neuen Anstrich. Das Ergebnis soll ein Grün-Blaues-Miteinander sein. Typisch Diakonie eben.

Dass für diese Kreativaufgaben Jörn und weitere 19 Jungs am Start sind, ist aber nicht allein ihrem Aktionsdrang geschuldet. "Immer donnerstags ist Jungstag", erklärt Karen Holle, Abteilungsleiterin Jugendhilfe und Migration in der Neanderland Diakonie. Seit 2012 ist der Donnerstag in West wilden Kerlen im Alter zwischen 9 und 16 Jahren vorbehalten - die ohne Vater oder männlichen Erziehungsberechtigten allein mit der Mutter leben. Viele werden in der Schule von Lehrerinnen unterrichtet, haben also "wenig bis keine männlichen Vorbilder". Oder keine, auf die sie sich verlassen können.

Donnerstags ist das am Maximilian-Kolbe-Platz anders, unter Anleitung von Sozialpädagogen Ilias Papadopoulus lernen sie das Leben aus einer anderen Perspektive kennen. "Da werden ausschließlich Jungsthemen behandelt", wie Karen Holle weiß. Die Gruppe ist miteinander vertraut, der Nachmittag beginnt mit Gesprächen. Was war in der vergangenen Woche positiv? Was nicht so gut? Familienthemen werden "in diesem geschützten Raum" ebenso erörtert. Mindestens "genauso cool ist, was wir so alles machen", sagt Timm. Am Billardtisch messen die Jungs sich oder liefern sich spektakuläre Verfolgungsjagden wie im Krimi beim "Polizei" spielen. Und: "Letztlich geht es auch darum, Sozialverhalten zu trainieren". Eine der Erkenntnisse: "Wenn die Jungs sich wohlfühlen, gibt es nur ganz wenig Zoff." So wie jetzt beim Streichen. Zunächst hatte Fachmann Bernd Kronen darüber erzählt, welche Qualifikationen und Kompetenzen er als Maler- und Lackierererwerben musste, ehe er es in seinem Beruf zum Meister brachte. Einzelne Handgriffe wurden erläutert und dann akribisch abgeklebt, was später nicht grün oder blau sein soll. "Da haben die Jungs gleich ohne große Aufforderung mitgemacht", lobt der Handwerker. Vor allem mit Rieseneifer hüllten sie sich anschließend in die Blaumänner, um loszulegen. "Das ist Wickeltechnik" erklärte Tim (13) fachmännisch seine Vorgehensweise mit einem in Farbe getunkten Lappen, der anschließend über die Wand gerollt wird. Ab und zu - na klar - geht mal eine Ladung Farbe kreuz und quer. Daher hat Jörn die gesunde Gesichtsfarbe.

"Seh ich jetzt aus wie ein Mädchen?", fragt er und deutet auf seine wie mit Lidschatten angemalten Augen.

Und schallendes Gelächter ist die Antwort. Schließlich ist Donnerstag. Und der ist Jungstag. Da kommen Mädchen in der Diakonie nämlich nicht vor.

Quelle: RP
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