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An(ge)dacht
Erinnern lohnt sich

Ratingen. Erinnern Sie sich gern? Ich schon, jedenfalls an besondere Tage, Geburtstage oder Weihnachtsfeste als Kind, an Ausblicke auf hohen Bergen oder über das weite Meer, an Musik, die verzaubert, an Menschen, mit denen man sehr vertraut ist. Wir erinnern uns und verbinden uns so mit damals. Ältere Menschen erzählen mir in diesen Wochen, wie die Kriegsbilder aus Syrien jetzt die Bombennächte in den Kellern im zerstörten Düsseldorf wach rufen. Nach dem Krieg hörten diese Kinder oft den Satz: "Ihr hattet es gut! Ihr ward ja noch klein!" Aber ihre Geschichten will niemand hören - damals wie heute. Vielleicht ist jetzt für uns alle die letzte Gelegenheit, diese Erfahrungen zu erzählen, denn es erklärt ja, warum ein Vater jedes Jahr an Silvester zu seinem Sohn sagt "Simon, mach Du den Sekt auf! Mich erinnert das zu sehr an die Bombennächte. Ich kann es nicht." Was hat diese Kinderseele im Krieg alles erlebt und gespeichert? Vor zwei Tagen haben wir uns in Ratingen und auch in Berlin an die Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 erinnert. Die Schriftstellerin und Zeitzeugin Ruth Klüger berichtet im Bundestag, wie sie durch eine Lüge das KZ überlebt. Bei ihrer Ankunft gibt ihr eine Frau, ein Mithäftling, den Tipp, sich als Fünfzehnjährige auszugeben. Sie ist zwölf und schwer unterernährt. Zwei Minuten später wird sie aufgrund ihrer falschen Angabe vom Aufseher zum Arbeitsdienst eingeteilt. Sie führt jetzt im Bundestag aus: "Einem Zufall von wenigen Minuten und einer gütigen jungen Frau, die ich nur einmal im Leben gesehen habe, verdankte und verdanke ich mein Weiterleben, denn der Rest des Transports von Theresienstadt, mit dem ich gekommen war, wurde in den nächsten Tagen vergast." Schön ist das nicht, sich an so furchtbare Zeiten oder Taten der eigenen Geschichte oder des eigenen Lebens zu erinnern. Stimmt! Und doch so notwendig. Denn bald sind die letzten Zeitzeugen gestorben. Deshalb ist die Rede von Ruth Klüger so wichtig. Deshalb ist allen zu danken, Politikern und Bürgern, Lehrern und Schülern, die diese Gedenk- und Erinnerungstage pflegen. So vergessen wir nicht die Opfer und erinnern uns, wozu wir fähig waren und fähig sind. Ruth Klüger bleibt in ihrem Beitrag diese Woche nicht in der Vergangenheit stehen. Sie schließt mit dem Ausblick auf heute, sagt: "dieses Land, das vor achtzig Jahren für die schlimmsten Verbrechen des Jahrhunderts verantwortlich war, hat heute den Beifall der Welt gewonnen, dank seiner geöffneten Grenzen und der Großherzigkeit, mit der Sie die Flut von syrischen und anderen Flüchtlingen aufgenommen haben und noch aufnehmen." Sie macht so deutlich, dass es sich lohnt zu erinnern und wofür: Für heute und morgen. Für die Zukunft.

THOMAS GERHOLD, PASTOR DER FRIEDENSKIRCHE, OST

Quelle: RP
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