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An(ge)dacht
Es ist ein Wunder

Ratingen. Wer schon mal versucht hat, einem Menschen in einer schwierigen Situation zu helfen, der weiß, wie schwierig das sein kann. Hilfsbereitschaft allein hilft noch nicht. Es braucht auch eine Verständigung. Derjenige, der bereit ist, einem anderen zu helfen, hat eine Vorstellung davon, wie die Hilfe aussehen soll. Doch derjenige, der Hilfe braucht, hat auch eine Vorstellung davon, wie die Hilfe aussehen soll. Oft passt beides nicht zusammen. Dann gibt es viel Enttäuschung. In der Bibel heißt es nüchtern: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Mehr geht nicht. Was aber, wenn ein Mensch ganz anders geliebt werden will, als ich es kann? Dann stoße ich an meine Grenzen.

Schon bei einem einzelnen Menschen ist es mit der Hilfe also nicht ganz unkompliziert. Ja, man kann geradezu sagen: Wo Not und Hilfsbereitschaft zueinander passen, wo die Hilfe also gelingt - da geschieht ein Wunder. Oft aber läuft der Versuch auch ins Leere. Noch komplizierter wird es, wenn Länder einander helfen wollen. Wenn sogar viele Länder gleichzeitig versuchen, einem geschundenen Land wie Syrien aus seiner verworrenen Bürgerkriegssituation zu helfen. Und dann auch noch mit militärischen Mitteln! Und jeder ist mit eigenen Interessen unterwegs! Skepsis ist bei diesem Versuch sicherlich angesagt.

In dunklen Stunden denke ich:: Ach, die Gewaltmenschen sind doch im Vorteil! Mit einem automatischen Gewehr Wehrlose abzuschießen - das funktioniert prompt. Da fallen alle die komplizierten Verständigungsprobleme weg. Es braucht nur eine Portion Entschlossenheit und Skrupellosigkeit. Und während die anderen immer noch an riesigen Verhandlungstischen endlos ihre Runden drehen, setzt man seinen Plan einfach in die Tat um und schafft Tatsachen. Ist die Gewaltlogik nicht einfach durchsetzungsstärker? Wenn dem so wäre, müsste es auf der ganzen Welt zugehen wie zu Zeiten Noahs, als es nur noch Mord und Totschlag gab. Doch so ist es nun auch wieder nicht! Zugegeben, es gibt viel zu viele Gewaltorte auf dieser Welt. Dennoch wundere ich mich, wie viele Menschen freundlich und ohne Gewalt miteinander auskommen wollen. Es sind die meisten. Selbst die schwierige Ohnmacht nach einem Terroranschlag, wo Gewalt scheinbar triumphiert, halten sie aus und sagen: "Ich will mich nicht in diese Gewaltlogik zwingen lassen!"

Gut, einige werden schwach und fordern Gegenmaßnahmen: Gewalt müsse mit Gegengewalt beantwortet werden. Doch kann man das Böse mit Bösem bekämpfen, ohne selbst böse zu werden? Die meisten Menschen leisten ihren Widerstand auf andere Weise: "Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem", heißt es bei Paulus. Mein Adventswunsch: Dass jeder sich neu darüber wundern (!) möge, wie viele Menschen von sich aus Gewalt ablehnen - es ist ein Wunder!

FRANK WÄCHTERSHÄUSER, EVANG. PFARRER IN LINTORF

Quelle: RP
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