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Andreas Pützer
Fahren im Auftrag der Bundeswehr

Andreas Pützer: Fahren im Auftrag der Bundeswehr
Für die Bundeswehr, die um Amtshilfe geeten wurde, fährt Andreas Pützer mit seinem Bus Flüchtlinge. FOTO: Dietrich Janicki
Ratingen. Andreas Pützer arbeitet als Busfahrer bei der Bundeswehr. Derzeit fährt er nur Flüchtlinge.

Herr Pützer, das ist schon fast ein Wunder, dass Sie zuhause anzutreffen sind.

Andreas Pützer Das stimmt, die vergangenen Monate waren teilweise anstrengend. Zwischendurch hatte ich um die 300 Stunden Dienst im Monat. Das Problem dabei war immer wieder, dass die Zeiten nicht planbar waren, da wir immer erst kurzfristig erfahren haben, ob Züge mit Flüchtlingen hier in der Region ankamen. In der Regel habe ich erst mittags erfahren, ob ich nach Köln, Düsseldorf oder Dortmund zu den Drehkreuzen mit meinem Bus muss. Von dort ging es dann jeweils in Unterkünfte in NRW, denen die Flüchtlinge zugewiesen wurden.

Wie sind Sie zu der Aufgabe gekommen, diese Fahrdienste zu übernehmen?

Pützer Der Bundesinnenminister hat meine Dienstherrin, die Verteidigungsministerin, Anfang September um Unterstützung gebeten, weil wir bei der Bundeswehr einen großen Fuhrpark an Bussen haben. So gab es sofort mehrere hundert Busse, die im ganzen Bundesgebiet zur Verfügung standen. Ich bekam einen Tag, bevor alles los ging, einen Anruf, als ich gerade auf Dienstreise war. Am nächsten Tag sollte ich mich abends am Flughafenbahnhof in Düsseldorf melden. Von dort habe ich dann meine erste Tour mit Flüchtlingen gefahren. Die ging damals nach Rheine in eine ehemalige Kaserne. Insgesamt sind es bis heute fast 150 Fahrten geworden.

Wie war diese erste Tour?

Pützer Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukommen würde. Ungewohnt war für einen Bundeswehrfahrer erst einmal die Tatsache, dass da plötzlich Kinder im Bus saßen. Das kommt bei uns naturgemäß eher weniger vor. Berührungsängste hatte ich gar nicht. Erstaunt hat mich, wie offen diese Menschen waren und wie viele Englisch sprechen konnten.

Anfangs muss die Situation doch chaotisch gewesen sein?

Pützer Das stimmt. In den ersten zwei Monaten unseres Einsatzes haben wir teilweise über zwölf Stunden auf die Züge warten müssen. Die standen anfangs noch nicht im Fahrplan, fuhren also außerhalb des regulären Betriebes und mussten deshalb fast jedem anderen Zug Platz machen. Das hat dann schon einmal dazu geführt, dass die Fahrt von Passau nach Düsseldorf bei 15 Stunden lag.

Frustriert diese Warterei nicht?

Pützer Ich zitiere da einfach mal einen Spruch, den jeder Soldat oder auch Feuerwehrmann kennen dürfte: "Die Hälfte seines Lebens wartet der Soldat/ Feuerwehrmann vergebens". Das war natürlich nervig, aber wer die Bilder mit der Not der Menschen im Fernsehen gesehen hat, der jammert schon auf sehr hohem Niveau, wenn er sich über ein paar Stunden Wartezeit beschwert. Wenn Sie sehen, dass da Kinder bei Minustemperaturen ohne Strümpfe aus dem Zug steigen, dann ist so ein bisschen Warten nebensächlich. Das war teilweise sehr bewegend, wenn Menschen ohne jedes Gepäck kamen. Ich konnte danach in meine schöne warme Wohnung fahren, diese Menschen haben oft alles verloren.

Gab es in Ihrem Umfeld negative Reaktion aufgrund Ihres Auftrages?

Pützer Die gab es in der Tat. Es wurde gerne darauf hingewiesen, dass man alles Geld für die Flüchtlinge ausgibt, die Obdachlosen vor der Tür aber keinen interessieren. Jahre lang haben einen die Obdachlosen nicht interessiert, plötzlich müssen sie als Alibi herhalten. Dem ein oder anderen Kritiker habe ich angeboten, mich einmal zu begleiten, um sich selbst ein Bild von den Menschen zu machen, die zu uns kommen.

Und? Hat das Angebot jemand angenommen?

Pützer Ja, zwei Bekannte sind mitgefahren. Aus "Ich kann mir das ja mal anschauen" ist dann sehr schnell Betroffenheit geworden.

Gibt es Erlebnisse aus den vergangenen Monaten, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind?

Pützer Ein sehr positives Erlebnis war die Tour, als plötzlich ein junger Syrer in meinem Bus nach vorne kam und über die Lautsprecheranlage syrische Musik spielte. Aufeinmal wurde mein Bus zum Partybus. Alle hatten Spaß, es war eine ganz tolle Stimmung, und ich habe nahezu den kompletten Bus hinterher mit Handschlag verabschiedet. Wenn Sie mich jetzt nach einem negativen Eindruck fragen, muss ich ehrlich sagen, dass es die gab, sie sich aber nicht auf die Flüchtlinge bezogen. Ich habe in den Einrichtungen teilweise Sicherheitspersonal getroffen, über deren Verhalten ich mich jetzt noch wundere und nur den Kopf schütteln kann.

Die Stimmung in unserem Land ist sehr zwiespältig beim Thema Flüchtlinge. Was nehmen Sie aus den Erfahrungen mit?

Pützer Ich würde mir wünschen, dass sich jeder umfassend informiert, bevor er sich eine Meinung bildet. Man darf nichts verallgemeinern. Was mir besonders imponiert hat, war das ehrenamtliche Engagement der unzähligen Helfer. Ohne sie wäre das alles gar nicht zu bewerkstelligen.

WOLFGANG SCHNEIDER FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
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