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Ratingen
Fenster zum Bahnhof

Düsseldorf. Dass der Maler Maxim Wakultschik mit seinen Zugabteil-Bildern echte Hingucker geschaffen hat, zeigt die neue Ausstellung "Nachtzug nach Moskau" in der Künstlerloge. Wer hinschaut, wird zum Geschichtenerfinder. Von Melanie Meyer

Unverhohlen fällt der Blick auf den nur leicht bekleideten Rücken einer jungen Frau. Die brünette Unbekannte lehnt am Fenster des Abteils und wirft gedankenversunken einen Blick auf den Bahnsteig. Passiert gleich ein Mord? Taucht gleich ihr Geliebter im Abteil auf? Was sich anhört, wie der Plot eines Krimis der 1960er Jahre, ist in Wirklichkeit das Thema der neuen Ausstellung "Nachtzug nach Moskau" in der Künstlerloge.

Gemalte Erzählungen

Wie die Geschichte, die das Bild von Maxim Wakultschik anreißt, am Ende ausgeht, bleibt der Fantasie des Betrachters überlassen. Die kurze Beschreibung der realistischen Ölmalerei erläutert die narrative Arbeitsweise des 1973 geborenen russischen Künstlers. Er kreiert Geschichten, wahre Begebenheiten, jedoch fehlen dem Betrachter Anfang und Ende der Erzählung, lediglich der Kern ist klar.

Der Ausstellungstitel "Nachtzug nach Moskau" beziehungsweise "Closely Watched Trains" verrät zumindest den Ort des Geschehens der großformatigen Installation im ehemaligen Pförtnerhäuschen. Und tatsächlich, der Ursprung der Bilder sind Wakultschiks unzählige Zugreisen in seine Heimat mit dem Ost-West-Zug von Brüssel über Düsseldorf in seine Heimat Weißrussland. Auf diesen Reisen fotografierte er erleuchtete Zugfenster mit anonymen Menschen, die allein durch ihren Weg und die Zeit miteinander verbunden sind.

Eingefasst in aluminiumfarbene Fensterrahmen wirken die anonymen Portraits und Details wie Enthüllungen. Illuminiert vom künstlichen, kalten Licht des Abteils spielt der Künstler mit den Emotionen des Betrachters und erinnert damit an Bilder des Amerikaners Edward Hoppers. Wie diesen könnte man auch Wakultschik als Chronisten der Zivilisation bezeichnen, der mit seinen rhetorischen und künstlerischen Fähigkeiten sicherlich zu den talentiertesten Künstlern der Avantgarde des Ruhrgebiets zählt.

"Nachtzug nach Moskau" fasziniert aber nicht nur durch die Motivwelt selbst, sondern auch durch den Ort, an dem die Bilder zu sehen sind. Das ehemalige Pförtnerhäuschen wird durch seine Form nämlich selbst zum Wagon, der Kunstinteressierte und Passanten gleichsam auf die nächtliche Reise mitnimmt. Weitere Arbeiten von Maxim Wakultschik sind auch bei der Schau der jungen Kunstszene des Ruhrgebiets, der "KUBOshow" im Rahmen von Ruhr 2010, vom 23. bis 24. Oktober in den Flottmann-Hallen, Flottmannstraße 94, in Herne zu sehen.

Die Ausstellung in der Künstlerloge, Wilhelmring/Ecke Calor-Emag-Straße, kann bis zum 5. Mai besucht werden. Sie ist von außen einsehbar; geöffnet nach Vereinbarung unter Tel. 0177 8297959.

Quelle: RP
 
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