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Angelika Zegelin
Für menschlichere Patientenverfügungen

Angelika Zegelin: Für menschlichere Patientenverfügungen
Angelika Zegelin spricht kritisch von "Pflege im Laufschritt" und "Sekundenkontakten". FOTO: privat
Ratingen. Die Pflegewissenschaftlerin ist Professorin an der Universität Witten/Herdecke. Sie entwickelt Pflegekonzepte.

Kreis Mettmann Professorin Angelika Zegelin ist Pflegewissenschaftlerin an der Universität Witten/Herdecke. In einem Vortrag der VHS Velbert/Heiligenhaus spricht sie über Alternativen zur üblichen Patientenverfügung.

Frau Zegelin, Sie werben für eine "andere" Patientenverfügung. Was gefällt Ihnen nicht an den üblichen Entwürfen?

Zegelin Alle Patientenverfügungen setzen auf ärztliche Maßnahmen und gelten für ein Endstadium einer unheilbaren und tödlich verlaufenden Krankheit. Doch wann ist dieses Endstadium? Bei den Vordrucken geht es immer um große Dinge wie beispielsweise: Dialyse - Ja oder Nein? Es herrscht die Vorstellung vor, dass wir irgendwann einfach auf der Straße umfallen und dann vielleicht noch ein paar Tage auf der Intensivstation behandelt werden. Die Realität ist aber leider so, dass die meisten Menschen im Alter pflegebedürftig und vollständig von anderen abhängig sind.

Sie kritisieren auch die üblichen medizinischen Standardaussagen in Textbausteinen...

Zegelin Ich frage mich ernsthaft, ob man dem Persönlichen dadurch wirklich gerecht wird. In der Patientenverfügung des Bundesjustizministeriums geht es nur um die medizinischen Maßnahmen. Es werden ausführlich alle Möglichkeiten aufgeführt wie beispielsweise Schmerz- und Symptombehandlung, künstliche Ernährung, oder Wiederbelebung. Was ist das eigentlich für eine Medizin? Offensichtlich muss ein Kranker sich heutzutage vor allen medizinisch möglichen Maßnahmen einzeln "schützen". Alltag und Sinnerfüllung haben da keinen Platz.

Und was würden Sie konkret anders formulieren?

Zegelin Ich wundere mich immer darüber, dass in den Vorlagen zu Patientenverfügungen stets die großen Entwürfe vorgestellt werden. Welches Menschenbild jemand hat, welchen Blick auf die Welt, ob eine "künstliche Niere" verordnet werden darf oder die Beatmung abgestellt werden soll - seltsam, für mich zeitigen sich meine Wünsche und Erfahrungen in der Ansammlung täglicher Kleinigkeiten. Vielleicht sind es ja gar keine Kleinigkeiten, weil sie genau in dieser Kombination uns als Person ausmachen.

Sie haben ihre Vorstellungen davon, wie sie "gepflegt" werden möchten, selbst zu Papier gebracht. Was können wir dort über Sie lesen?

Zegelin Wir alle haben persönliche Eigenheiten, die uns ausmachen. Wir benutzen zum Beispiel gerne bestimmte Seifen, haben Vorlieben beim Essen, gestalten den Tag unterschiedlich. Das sind die Dinge, die wir ergänzend zu einer Patientenverfügung aufschreiben sollten. Für mich wäre es beispielsweise eine Körperverletzung, wenn meine Füße 'gut eingepackt', gar mit einer Decke eingeschlagen würden - ich könnte keine Ruhe finden. Solange ich mich erinnern kann, musste mindestens ein Fuß aus der Zudecke herausgucken, ich stelle mir reichlich irrational vor, dass mein Fuß atmet.

Und was noch?

Zegelin Musikalisch bin ich ein Kind der 70er, Soul, Blues und Rock gefallen mir. Deutsche Schlager und Heimatmusik finde ich furchtbar. Wenn ich damit später beschallt würde, ginge ich in eine innere Emigration. Außerdem hülle ich mich gern in Flanell-Nachthemden ein. Schlafanzüge anziehen zu müssen, wäre für mich Ausübung körperlicher Gewalt.

Sie möchten als Mensch wahrgenommen werden....

Zegelin ...ja, genau. Ich möchte als Person "Angelika Zegelin" begriffen werden. Wer mit mir umgehen will, muss etwas über mein bewegtes Leben mit vielen Höhen und Tiefen wissen. Ich weiß nicht, ob das überhaupt möglich ist. Auf jeden Fall möchte ich im Falle einer Pflegebedürftigkeit intelligente und warmherzige Menschen um mich haben. Ich will nicht um alles betteln, jeden Handgriff aushandeln müssen. Wer mich pflegt, muss ahnen, was mir wichtig ist. Wenn ich nach "Schema F" gepflegt werden soll, würde ich mich schreiend und mit allen Mitteln zur Wehr setzen, solange ich das noch kann. Wenn es nichts nutzt und ich das realisiere, würde ich sofort um Sterbehilfe bitten.

Sie sprechen von der real gewordenen Horrorvorstellung einer "Pflege im Laufschritt" und von "Sekunden-Kontakten"....

Zegelin Zeiten der Pflegebedürftigkeit können lange dauern, und diese Zeit ist auch Lebenszeit. 08/15-Pflege im Eiltempo kann dazu führen, dass Menschen nicht mehr leben möchten.

DIE FRAGEN STELLTE SABINE MAGUIRE

Quelle: RP
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