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Lintorf
Große Freude über kleine Erfolge

Lintorf. Im Sommer 2013 hat Katarina Pellet Lastra die Therapieeinrichtung "Glückspilze" für autistische Kinder gegründet. 33 Kinder zwischen anderthalb und zwölf Jahren werden dort gefördert. Ein Besuch. Von Wolfgang Schneider

Breitscheid Der kleine Dylan (alle Kindernamen geändert) lacht. Er genießt es sichtbar, sich an Therapeutin Marlen Corsmeier zu kuscheln und mit ihr das große Bilderbuch durchzublättern. Immer wieder deutet er auf einzelne Bilder und spricht einzelne Wörter. Für die meisten Dreijährigen ist das "normal" - für Dylan nicht. Der Junge ist Autist. "Als er zu uns gekommen ist, gab es in der Familie verschiedenste Schwierigkeiten. Dylan konnte seine Wünsche nicht artikulieren, hatte eingeschränkte Interessen und sprach kaum", erinnert sich Sabrina Liebich. Sie ist zertifizierte Verhaltensanalytikerin (BCaBA) - nur eine von knapp 20 in Deutschland. Sie beobachtet zusammen mit ihrer Kollegin Manuela Bouwers (ebenfalls BCaBA) genau, wie sich ein Kind entwickelt und gibt den Therapeuten Hinweise zum korrekten Umgang mit den Kindern. Alles wird genau protokolliert und ausgewertet.

Mehr als 100 Kilometer fahren die Eltern teilweise, um ihre Kinder einige Stunden in der Woche - je nachdem, wie viel Sitzungen die zuständigen Städte oder Landkreise ihnen bewilligen - in der Einrichtung zu ermöglichen. Im März zieht das Therapiezentrum "Glückspilze" in andere Räumlichkeiten. Dann stehen 450 Quadratmeter Fläche zu Verfügung. Zurzeit ist es nur knapp die Hälfte - in einem Breitscheider Ladenlokal und in einem Wohnhaus in Lintorf.

Genau in diesem unscheinbaren Reihenhaus begann die Geschichte der "Glückspilze", wie das Therapiezentrum heißt. "Bei meinem Sohn wurde mit zwei Jahren eine sehr schwere Form des Autismus festgestellt", erzählt Katarina Pellet Lastra. Die Unternehmerin und dreifache Mutter wollte diese Diagnose so nicht hinnehmen und suchte nach einer geeigneten Therapieform. Nach intensiver Suche fand sie die Interventionsmethode ABA/VB. "Das hat mich sehr beeindruckt. Und vor allem hat diese Methode etwas bewirkt bei meinem Sohn."

In der USA ist es bereits üblich, dass die Krankenkasse bis zu 40 Stunden Therapie pro Woche für diese Methode bewilligt. Positives Verhalten wird verstärkt, Negatives weitestgehend ignoriert. "Da wurde ich am Anfang schon etwas schief angesehen, wenn ich einen Wutanfall meines Sohnes einfach ignoriert habe", erzählt die Leiterin der "Glückspilze". Doch der Erfolg gab ihr Recht. Denn ihr Sohn, bei dem eine besonders schwere Form des frühkindlichen Autismus festgestellt wurde, besucht heute die zweite Klasse einer regulären Grundschule. So weit sind die Kinder, die an diesem Vormittag in dem großen Spielzimmer gefördert werden, noch nicht. Die meisten von ihnen sprechen kaum oder sogar gar nicht. Und so versuchen die Therapeuten, ihnen im Spiel erste Zeichen beizubringen, mit denen sie ihre Bedürfnisse ausdrücken können. Klappt das, wird ausgiebig gelobt. So wie bei Marvin. Er liebt es, in einer großen Decke geschaukelt zu werden. Das passende Zeichen kann er schon. Die Reaktion von Therapeut Jan Kampmann und Integrationshelfer Colin Böhning folgt prompt: Sofort wird gelobt und kräftig weitergeschaukelt, unterstützt von der vielfachen Wiederholung des Wortes "Schaukeln".

33 Kinder zwischen anderthalb und zwölf Jahren werden derzeit im Therapiezentrum "Glückspilze" von den Fachleuten gefördert, die ihre regelmäßige Supervision durch eine zertifizierte Verhaltensanalytikerin (BCBA) der Carbone Clinic Dubai erhalten. Die Warteliste des Therapiezentrums "Glückspilze" ist enorm lang. Eine Familie war so froh, endlich einen Platz für ihr Kind bekommen zu haben, dass sie aus Baden-Württemberg nach Ratingen zog.

Die kleinen Schritte der Kinder motivieren sowohl die Eltern als auch das Team, trotz mancher herausfordernder Situationen, viel Engagement zu zeigen: "Alle bringen eine große Leidenschaft und Enthusiasmus für diese Arbeit mit", sagt Manuela Bouwers.

Und dann gibt es einen jener kleinen Erfolge, die bei allen im Team große Freude auslösen und dem Besucher eine Gänsehaut über den Rücken jagen. Marvin hat tatsächlich gesprochen - "schaukeln" hat er gesagt.

Quelle: RP
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