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An(ge)dacht
Heute schon gefastet?

Ratingen. In diesen Tagen begehen die Christen die Fastenzeit. Eine sechswöchige Vorbereitung auf das Osterfest. Manche Menschen nutzen diese Zeit noch einmal, um den eigenen Umgang mit dem Leben und mit Genussmitteln zu reflektieren. "Ich trinke unter der Woche kein Alkohol" oder "ich faste Süßigkeiten", oder "ich verzichte aufs Fernsehen". All dies sind unsere Versuche, unser Leben noch einmal neu zu bedenken. Manches "Laster" vielleicht wenigstens zeitweise abzulegen. Die Menschen entwickeln da so ihren eigenen Ehrgeiz und häufig geht es einher mit Verzicht, mit dem "Kampf" gegen die eigenen "Gelüste".

Das finde ich sehr anstrengend und klingt nach "Selbstkasteiung". Irgendwie bin ich nicht richtig, oder handle prinzipiell falsch oder passe nicht in das angesagte, angeordnete Schema? Aber was will denn die Fastenzeit, was soll sie eigentlich bewirken?

Es geht um die persönliche Vorbereitung auf Ostern, das Fest der Auferstehung. Brauche ich dann ein eigenes Trainingskonzept, das Fasten? Wenn denn Ostern Auferstehung bedeutet und damit Aufbruch aus den Fesseln des Todes und der Schuld, dann könnte das "Trainingsprogramm" doch auch ganz anders aussehen: Ich übe ein, was mir gut tut, was mich befreit und was mich erkennen lässt, dass Gott mich so mag, wie ich bin, mit allen Ecken und Kanten. Vielleicht faste ich mal mit den selbstkritischen Gedanken, mit den zerstörerischen Selbstzweifeln und tue das, was mir gut tut. Ich mache mich auf die Suche, was bei mir gut ist, ich entdecke, welche Fähigkeiten ich habe. Ich faste mal an den überfordernden eigenen Erwartungen und Ansprüchen. Ich faste Begegnungen, die mir nicht gut tun oder, noch besser gesagt, ich suche bewusst nach Begegnungen, die mir gut tun. Kurz gesagt, ich tue von dem mehr, was ich sicher schon gut kann. Ich sage mir am Ende des Tages zu, was Gott mir schon längst zugesagt hat: "Es ist gut, dass Du da bist!" Ich entdecke und sammle auf, was mir am Tag gelungen ist, wo es sich gut anfühlt und verzichte auf die selbstkritischen Töne. Vielleicht lerne ich dann (sogar mit Lust?!) mehr zu tun von dem, was gut ist, als den vielleicht unnötigen beschwerlichen Weg, weniger von dem zu tun, was schlecht ist. Dann gönne ich mir die Zeit für einen lieben Anruf bei einem Freund oder die Ruhe für einen gemütlichen Kaffee mit einer Freundin, einen gemütlichen Abend mit einem Buch oder den bewussten Besuch im Kino oder was auch immer mir wirklich gut tut - in der Regel wissen wir das doch alle.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gute Fastenzeit!

JOHANNES WESTERDICK, KATHOLISCHE KLINIKSEELSORGE

Quelle: RP
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