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Ratingen
Hoffen auf ein neues Leben in Deutschland

Ratingen: Hoffen auf ein neues Leben in Deutschland
Mohammad Jabir Ghafouri (rechts) mit Kameraden auf einem Militärjeep in einem Camp der ISAF-Truppen. Wer von seinen alten Wegbegleitern noch am Leben ist, weiß er nicht. Zu vielen ist der Kontakt abgebrochen. FOTO: privat
Ratingen. In Afghanistan hat Mohammad Jabir Ghafouri auf Seiten der Armee gekämpft - das war fast sein Todesurteil. Jetzt hofft er, in Deutschland bleiben zu dürfen. Von Karl Ritter

"Meinen Namen verändern? Die Bilder unkenntlich machen? Wieso, ich habe keine Angst. Hier bin ich sicher", sagt Mohammad Jabir Ghafouri. Seine dunklen Augen blicken ruhig auf den Gesprächspartner, dabei dreht er sich eine Zigarette. Angst? Nein, der drahtige 29-Jährige wirkt nicht wie ein Mann, der Angst hat. Angst hatte er seinem Heimatland Afghanistan - und zwar eine Menge. Er arbeitete dort für die internationalen ISAF-Truppen, war Mitglied einer Kampfeinheit des afghanischen Militärs. "In den Augen der Taliban bin ich ein Verräter und muss getötet werden."

Er greift zu seinem Smartphone und zeigt Fotos und Videos aus dem Land, das er liebt, in dem aber Krieg herrscht: "Für mich war schon als Kind klar, dass ich Soldat werden möchte, um etwas für mein Land zu tun, das Böse zu bekämpfen und den Menschen Frieden zu bringen." Ghafouri, der einen Bachelor-Abschluss in Business Administration hat, erzählt von Gegenden in seiner Heimat, in denen junge Mädchen getötet werden, nur weil sie zur Schule gehen, um an Wissen und Bildung teilhaben zu können. Er hat gekämpft - im wahrsten Sinne des Wortes, übersetzte einige Zeit zwischen den amerikanischen Bodyguards und dem afghanischen Präsidenten Karsai, griff später aktiv in den Kampf gegen die Taliban ein.

Es sind Bilder, die ihn nicht loslassen: "Ich schlafe schlecht", erzählt er in perfektem Englisch, eine von fünf Sprachen, die er spricht. Viele Freunde und Kameraden hat er sterben sehen - verbrannt, geköpft, erschossen. "Menschen können grausam sein", sagt er und zieht an seiner Zigarette. Ja, er habe auch getötet. Wie viele Menschen? Er weiß es nicht mehr. Das Schlimme an diesem Krieg im eigenen Land sei, dass man den Feind nicht identifizieren könne im Einsatz: "Kämpfst Du gegen ein anderes Land, weißt Du, wer der Gegner ist. Hier sind es plötzlich Deine Nachbarn, sogar Kinder."

Irgendwann bekam er über soziale Netzwerke Bilder und Filme zugesandt, die an Grausamkeit nicht zu überbieten waren - die Botschaft war klar: "Du bist ein Verräter, Dir und Deiner Familie wird es nicht anders gehen." Als dann wenig später sein Auto von einem Motorrad aus beschossen wurde, war für ihn klar, dass es so nicht weitergeht. "Angst um mein eigenes Leben hatte ich nicht, aber ich wollte nicht verantwortlich sein für den Tod meiner Brüder." Und so blieben nach der Kontaktaufnahme zu einem Schleuser nur wenige Stunden, um das Nötigste zusammenzupacken. Alle Ersparnisse des Flüchtlings gingen an den Schlepper - fast 40 000 Euro. Wohin es auf der dreimonatigen Flucht gehen sollte - unklar. "Nur in Sicherheit", sagt Ghafouri, der seine Sprachkenntnisse gerne als Dolmetscher in Deutschland einbringen würde.

Drei Monate war die kleine Gruppe unterwegs, teilweise im Auto, den größten Teil zu Fuß. Manchmal waren es 18-Stunden-Märsche mit den prall gefüllten Rucksäcken, durch Sümpfe, dichte Wälder mit allerlei gefährlichen Getier. Das hast Kraft gekostet - psychisch wie physisch. Stolz zeigt der Mann aus Afghanistan Videos aus seiner Heimat, wie er Gewichte stemmt - durchtrainiert, muskulös, kräftig. Die Flucht hat Substanz gekostet, aber er und seine beiden Brüder, die am Niederrhein untergebracht sind, sind in Sicherheit. Der Rest der Familie wohnt in Indien.

Ob es etwas gibt, was ihn in Deutschland besonders überrascht hat? Ghafouri nickt: "Die Polizei war hier so unglaublich freundlich, geduldig und hilfsbereit, als wir aufgegriffen wurden. Das kannte ich aus Afghanistan nicht, da sind Polizisten ganz anders, machen nichts für die Menschen." Was die Zukunft bringen wird, weiß er nicht. "Ich hoffe, dass ich in Deutschland bleiben kann, bis Frieden in meiner Heimat ist. Denn ich möchte gerne wieder dorthin zurück, wenn es sicher ist. Es ist ein wunderschönes Land." Und dann wird er traurig, denkt an seinen geliebten Hund, den er zurücklassen musste: "Ich bin am Boden, muss ganz von vorne anfangen. Eine neue Sprache lernen, mich in eine andere Kultur einleben. Das kostet so unheimlich viel Kraft."

Kraft, die er vor allem daraus zieht, dass er sich alte Bilder ansieht und erzählt: "Das hilft mir. Denn unterkriegen lassen möchte ich mich nicht von all dieser Gewalt und diesem Krieg." Aber aufgeben gilt nicht: "Man muss immer in die Zukunft schauen."

Quelle: RP
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