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Ratingen
"Ich bitte um Gnade für diese Stadt"

Ratingen: "Ich bitte um Gnade für diese Stadt"
Ratingens erster Nachkriegsbürgermeister Franz Josef Gemmert bei seiner Ansprache vor St. Peter und Paul. FOTO: stadtarchiv
Ratingen. Heute vor 70 Jahren wurde Ratingen kampflos übergeben, Kommandeur Gray stoppte den Beschuss.

"An die Ratinger Bevölkerung! Nachdem die Wehrmacht entschieden hat, dass die Stadt Ratingen nicht verteidigt wird, biete ich die Übergabe unserer Stadt an. Ich bitte, den einrückenden Besatzungstruppen mit Würde und Zurückhaltung zu begegnen, auch jede unüberlegte Handlung zu unterlassen, da Nachteile und vielleicht Vernichtung der Stadt die Folge sein könnten. Ratingen, den 17. April 1945. Der Bürgermeister." Mit dieser Bekanntmachung wurde vor 70 Jahren das Ende des Zweiten Weltkrieges in Ratingen eingeleitet. Seit Tagen lag die Stadt unter Artilleriebeschuss, die demoralisierte Bevölkerung wartete nur noch auf das Ende des Krieges. Trotz der Androhung von "Sippenhaft" und "standrechtlicher Erschießungen" rührten sich weder Heimatschutz noch Volkssturm, als an diesem Tag von Wülfrath her 60 bis 70 schwere amerikanische Panzer auf Ratingen vorrückten. Zeitgleich mit der Bekanntmachung wurde mit einem Telefonanruf zum Befehlsstand der Amerikaner in Erkrath die Übergabe der Stadt angeboten: "Ich bitte um Gnade für diese Stadt und ihre Einwohner." Eine Antwort blieb aus.

Um den Willen zur Übergabe auch sichtbar kundzutun, gab der städtische Beigeordnete Schmidt eine knappe Anordnung an den örtlichen Schornsteinfegermeister: "Ich gebe Ihnen hiermit den Auftrag, auf beiden Kirchtürmen die weiße Fahne zu hissen." Die evangelische Pfarrersfrau und die Haushälterin des Pastors Hilbing stellten Bettlaken zur Verfügung, die von drei Feuerwehrmännern an den Türmen befestigt wurden. "Darauf erstarb jegliches Leben in der Stadt, die Geschäfte wurden geschlossen, die Menschen sammelten sich an den Hauseingängen in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten", ist in der Chronik der Minoritenschule zu lesen.

Am Nachmittag ließ der Kommandeur der alliierten Streitkräfte, Brigadegeneral Wayland B. Augur, der Stadtverwaltung übermitteln, dass er das Übergabeangebot habe und die Stadt in einer Stunde besetzt werde. Beim Vorrücken auf die Stadt stießen die Amerikaner in Hubbelrath auf das Hauptquartier des Generalfeldmarschalls Model und nahmen den gesamten Stab gefangen. Model selbst hatte sich im letzten Moment abgesetzt.

Kurz nach 20 Uhr traf der erste Panzer vor dem Lyzeum an der Schwarzbachstraße ein. Sofort wurde der Verwaltung Meldung gemacht. Als die Stadtvertreter dem Panzerkommandeur, Major W. Ashley Gray, am Lyzeum die Übergabe erklärten, schlugen immer wieder Artilleriegranaten ein. Gray ging ans Funkgerät seines Panzers und funkte: "Wir sind in Ratingen. Feuer auf Ratingen sofort einstellen." Der Panzer wurde zum Rathaus geleitet, wo die Übergabebedingungen festgelegt wurden: Abgabe aller Waffen, Beseitigung aller Straßensperren, Freilassung aller Kriegsgefangenen. Währenddessen versammelte sich eine große Menschenmenge vor dem Rathaus, die dann von einem US-Dolmetscher beruhigt wurde: "Wir haben soeben den Funkspruch weitergegeben, dass Ratingen besetzt ist. Es fällt kein Schuss mehr auf die Stadt, alles kann ruhig nach Hause gehen." Gray und seine Einheit nahmen Quartier im "Rheinischen Hof" und errichteten dort auch ihre Befehlsstelle. Knapp einen Monat später wurde Franz Josef Gemmert zum ersten Nachkriegsbürgermeister Ratingens ernannt. Gemmert, Direktor der Brügelmannschen Baumwollspinnerei, war politisch unbelastet. In seiner ersten Erklärung an die Ratinger sagte er, dass "die innere Freiheit und Menschenwürde" zurückgewonnen wurde. Seine erste Amtshandlung galt der Sühne der Ermordung von elf Zwangsarbeitern durch die Gestapo im Kalkumer Wald wenige Tage vor Kriegsende. Die Amerikaner ordneten an, dass Nazis die im Wald verscharrten Leichen ausgraben und auch bei der feierlichen Beisetzung der Toten vor St. Peter und Paul Hilfsdienste leisten mussten. Zur Trauerfeier waren rund tausend Ratinger auf dem Marktplatz versammelt.

Quelle: RP
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