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Kreis Mettmann
Kennen Sie Blockier-Getier?

Kreis Mettmann: Kennen Sie Blockier-Getier?
Als in Ratingen die neue Justizvollzugsanstalt gebaut wurde, nahm das Erkrather Naturschutzzentrum Bruchhausen vorübergegend Waldeidechsen (Bild) auf. Und Kammolche haben den Bau der Bezirkssportanlage in Mitte verzögert. FOTO: Privat
Kreis Mettmann. Bei der Verlängerung der Regiobahn von Mettmann nach Wuppertal mussten erst Kröten umgesiedelt werden. Aber auch die Waldeidechse, Kröten und der Feldhamster können Bauprojekte zum Stillstand bringen oder sogar torpedieren. Von Sabine Maguire

Wer wagt es, sich Baggern entgegenzustellen? Wer hat es in Mettmann auf den Schreibtisch des Bürgermeisters geschafft, als Mittelpunkt einer Debatte um das Für und Wider einer Event-Gastronomie am Südring?

Sie haben da so eine Ahnung, aber genau wissen Sie es nicht? Es war der Feldhamster - ein prominenter Vertreter der Spezies "Blockier-Getier". Mittlerweile gibt es im Neanderland Leute, die darüber ziemlich lange Geschichten erzählen können. Vielleicht nicht gerade die vom Feldhamster, denn den hat im Kreis Mettmann eigentlich noch nie jemand gesehen. Was natürlich nicht heißt, dass es ihn nicht irgendwo geben könnte. Sollte das auf einem Feld sein, auf dem jemand bauen möchte, weiß Bernhard May genau, wie das Duell von Hamster und Bagger ausgehen würde: "Zuerst gewinnt der Baggerfahrer. Der geht vor Gericht, weil das Recht aufseiten des Feldhamsters war." Und dann gibt's da noch diese etwas humorvolle Pointe: "Der Baggerfahrer muss sich vor der Ethikkommission der Bundesregierung verantworten und danach kann er nie mehr in den Himmel kommen, weil er zur Ausrottung einer Säugetiergruppe beigetragen hat, von der nur noch wenige tausend Individuen leben." Wohlgemerkt, der mittlerweile pensionierte Leiter der Unteren Landschaftsbehörde spricht aus Erfahrung. Jahrelang landeten derartige Probleme auf seinem Schreibtisch. Deshalb weiß er auch, dass sie alles andere als lustig sind. Die Debatte wird verbissen geführt. Das mag sinnvoll sein, wenn auf potenziellen Baustellen tatsächlich Tiere leben, die sonst keine Lobby hätten. Allerdings müssen Feldhamster, Kröten & Co. auch immer häufiger für Revolten aufgebrachter Bürger mit ausgewiesenen Eigeninteressen herhalten. Die emotionale Gemengelage lässt sich häufig so umschreiben: Das eigene Bauland war in Anbetracht des angrenzenden Gewerbegebietes zwar günstig - aber jetzt soll bloß keiner auf die Idee kommen, dort auch noch bauen zu wollen.

Lärmschutzgutachten, Einspruch bei der Verwaltung: Hat alles nichts gebracht? Dann muss der Hamster herhalten oder ein anderes Blockier-Getier. Allerdings ist die Rechtslage klar: "Kein Investor wird gezwungen, ´ins Blaue hinein´ Gutachten zu finanzieren. Nur bei seriös begründeten Hinweisen auf Artenvorkommen muss der Sachverhalt begutachtet werden", klärt Bernhard May auf. Behörden dürften mit der Abarbeitung der Sachlage lange beschäftigt sein. Dann blockieren Hamster nicht nur den Investor, sondern die Verwaltung. Dass sie selbst darüber in Verruf geraten, stört niemanden. Denn um die Tiere geht es in solchen Fällen längst nicht mehr. Wie kompliziert das werden kann, durfte in der Vergangenheit die Regiobahn erfahren. Schon vor Jahren haben wandernde Kröten den damaligen Regiobahn-Chef Joachim Korn um den Schlaf gebracht. Um noch mehr Pendler vom Auto auf die Schiene zu holen, sollte der Parkplatz im Neandertal erweitert werden. Als gebaut werden konnte, dokumentierten meterweise Ordner das endlos lange Verfahren, über das Bernhard May - damals als Leiter der ULB selbst noch damit befasst - heute sagt: "Man konnte seine Sorgen verstehen, denn in den Jahren vor der Parkplatzerweiterung mischten sich bei der Inbetriebnahme der neuen Regiobahn überzogene Forderungen und überteuerte Naturschutzlösungen." Mittlerweile ist die Streckenerweiterung nach Wuppertal in vollem Gange und diesmal sind es Fledermäuse, die den Bau ins Stocken bringen könnten. Ein anonymer Anrufer sorgte dafür, dass in einem alten Luftschutzstollen empfindliches Gerät aufgefahren werden musste, um die dort vermuteten Nachtschwärmer auf frischer Tat zu ertappen. Sie wurden gehört, aber nie gesehen. Das Licht am Bahnhof Hahnenfurth muss dennoch gedimmt werden. Die neue Bunker-Stahltür hat nun ein Einflugloch für Fledermäuse.

Dafür wurden die entlang der Bahnstrecke lebenden Kröten umgesiedelt. Ähnliches ist auch gelungen, als in Ratingen eine neue Justizvollzugsanstalt gebaut werden sollte, wo die Zauneidechse heimisch war. Die Krabbler zogen vorübergehend im Naturschutzzentrum Bruchhausen ein, um später wieder in die Heimat zurückzukehren. Auch wenn das Miteinander hin und wieder funktioniert - am Ende bleibt dennoch die Erkenntnis: Wenn Mensch und Tier aufeinander treffen, ist nichts wirklich einfach. "Woher nimmt der Mensch das Recht, seine gewollte Lösung immer irgendwie zu erzwingen?", fragt Bernhard May.

Längst ist es so, dass sich Gutachter den Vorwurf gefallen lassen müssen, vor den Karren gespannt zu werden. So wurde der Biostation in Monheim vorgeworfen, sich bei den Fällungen im Neandertal über naturschutzrechtliche Auflagen hinweg gesetzt zu haben.

Am Ende werden Gerichte bemüht und Otto Normalverbraucher blickt da schon längst nicht mehr durch. Im heimischen Garten wird dann auch schon mal ohne Fällgenehmigung zur Kettensäge gegriffen oder im Zweifel der Hamster erschlagen. Ach nee, den gibt es ja hier bei uns gar nicht. Und dennoch bleibt er wie all das andere Blockier-Getier auf der Strecke. Weil er eben schon tot ist, bevor sich Gerichte und Ethikkommissionen mit dem Baggerfahrer befassen.

Es sei denn, jemand investiert vorher viel Zeit und Geld in den Schutz unserer Lebensgrundlagen. Und wir hören endlich auf damit, geschützte Tiere zu missbrauchen, um egoistische Interessen von Bauherren, Nachbarn oder Neidern durchzusetzen.

Quelle: RP
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